AHG Klinik Wigbertshöhe  
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Presse

Aktuelles

AHG Klinik Wigbertshöhe aktuell
26.02.2008 – Sucht im Alter

Sucht im Alter – die stationäre Behandlung der Alkohol-, Medikamenten- sowie der pathologischen Glücksspielsucht in der 2. Lebenshälfte

„ Gönn´ dem Opa doch sein Bierchen!“

Mit dem stetig ansteigenden Anteil älterer Menschen in unserer Gesellschaft und der zunehmenden Beschäftigung mit dem Thema Alter (Stichworte: Alterspyramide, „Überalterung“ der Gesellschaft, der Methusalemkomplex, silver ager usw.) gerät auch die Gruppe der älteren/alt gewordenen Suchtkranken in den Blickpunkt von Fachleuten, die sich mit dem Thema Sucht auseinandersetzen. Dabei kann man davon ausgehen, dass ca. 400.000 Menschen über 60 unter einer behandlungsbedürftigen Alkoholerkrankung leiden, mindestens genau so viele sind von Medikamenten abhängig geworden: „Rein medizinisch betrachtet ist für den älteren Menschen schon der Konsum von mehr als einem  Glas Bier  pro Tag schädlich!“ Im Bereich der Glücksspielsucht wie auch der illegalen Drogen sind noch keine  Daten zum Anteil älterer Suchtkranker unter den Betroffenen verfügbar, wie überhaupt die meisten statistischen Erhebungen lediglich Betroffene bis zum Alter von 60 Jahren berücksichtigen.

Für ältere Suchtkranke, kurz vor Erreichen des Rentenalters oder bereits in Rente, war es bis weit in die 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts äußerst schwierig, sowohl im stationären als auch im ambulanten Rahmen fachtherapeutische Unterstützung im Kampf gegen die Sucht zu bekommen. In vielen  Fachkliniken für Suchtkranke gab und gibt es bis heute eine Altersgrenze von 60 Jahren, bis zu welcher eine Aufnahme möglich ist. Gedacht und finanziell gefördert als Einrichtung zur Rehabilitation, genauer zur Wiedererlangung bzw. Erhaltung der Arbeitsfähigkeit, waren für Patienten, die diese Grenze überschritten, keine Behandlungsplätze  vorgesehen. Auch gesellschaftlich hatten und haben ältere Suchtkranke mit erheblichen Vorurteilen zu kämpfen: „das lohnt sich ja doch nicht mehr“; „Gönn` dem Opa doch sein Schnäpschen, was hat der denn sonst noch vom Leben?“ „ Kann der sich nicht beherrschen? Und das in seinem Alter!“ um nur einige der nach wie vor gängigen Meinungen zu hören, wenn es um die Behandlung älterer Suchtkranker geht.

Mittlerweile hat sich das Behandlungsangebot für ältere suchtkranke Menschen  im ambulanten und im stationären Rahmen verbessert. Dies liegt u.a. an der wachsenden Zahl Älterer in unserer Gesellschaft, wodurch das Thema „Alter“ stärker in den öffentlichen Fokus gerät. Durch verbesserte medizinische Versorgung werden auch Suchtkranke immer älter und bedürfen einer therapeutischen wie medizinischen Betreuung. Auch nimmt  bis heute  die Lebenszeit  jenseits der Berufstätigkeit zu und somit wächst die gesamtgesellschaftliche wie individuelle Aufgabe , diese Lebenszeit möglichst bei guter Gesundheit und in größtmöglicher Zufriedenheit zu bewältigen. Abgesehen von moralischen Gesichtspunkten (einem kranken Menschen sollte - egal welchen Alters - eine möglichst optimale Behandlung zukommen) setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass es auch unter dem Aspekt steigender Kosten im Gesundheitswesen  günstiger ist, frühzeitig in die Suchtbehandlung zu investieren, um so die längerfristig höheren Behandlungskosten infolge der zahlreichen Begleiterkrankungen der Sucht zu minimieren.  Die stationäre Therapie bietet dabei für den älteren Suchtkranken die Möglichkeit, den Teufelskreis der Sucht zu durchbrechen und neue Lebensinhalte zu entwickeln.

Das +50-Konzept für ältere Suchtkranke in der AHG Klinik Wigbertshöhe

Seit 1999 existiert an der AHG Klinik Wigbertshöhe ein Konzept +50 zur Behandlung älterer suchtkranker Menschen (Alkohol-, Medikamenten-, Glücksspielsucht).  Zielgruppe sind ältere Suchtkranke ( ab dem 50igsten Lebensjahr; die bisher älteste Patientin feierte im Verlauf ihrer Therapie ihren 80igsten Geburtstag), die nicht mehr im Berufsleben stehen bzw. als ältere Suchtkranke sich den durch das Alter veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen  (verminderte Leistungsfähigkeit, veränderte Arbeitsorganisation etc.) stellen müssen. In zwei der insgesamt sechs Therapiegruppen werden jeweils bis zu 12 ältere suchtkranke Patienten  betreut. Im Zentrum der Behandlung steht die hochfrequente Gruppenpsychotherapie ( fünf Gruppensitzungen pro Woche), flankiert von begleitenden Einzelgesprächen, Sporttherapie, Beschäftigungstherapie und dem Freizeittraining. Ziel der Behandlung ist ein suchtmittelabstinentes Leben und somit die Bereitschaft, sich der eigenen Lebenssituation zu stellen und neue Lebensinhalte zu entdecken.

Immer wiederkehrende altersspezifsche  Themen und potentielle Auslöser für die Sucht im Alter sind:

  • Verlust des Partners
  • Einsamkeit
  • unerfüllte Partnerschafts- und Beziehungswünsche
  • das Gewahrwerden von Leistungsgrenzen und eigener Endlichkeit
  • Abschied vom Berufsleben
  • (traumatische) Kriegs- und Nachkriegserfahrungen
  • (negative) Lebensbilanz und Rückschau
  • die schwierige  Suche nach einem neuen Lebensinhalt, einer Aufgabe.

Von großer Bedeutung ist ein auf die speziellen Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtetes Freizeittraining: der gemeinsame Besuch kultureller Veranstaltungen,  Seniorentanz, der Gang ins örtliche Tierheim, der Besuch des örtlichen Fitnesscenters, der Kegelabend, die Walkinggruppe, ein spezielles Gedächtnistraining,  um nur einige der Aktivitäten und Angebote für die Patienten der +50- Gruppe an der AHG Klinik Wigbertshöhe zu nennen. Die Aktivitäten sollen dazu beitragen, die oft depressiv getönte Grundstimmung zu bessern und den negativ gefärbten Blick auf das Leben( was ist nicht mehr möglich, was habe ich falsch gemacht) in eine positive Richtung zu lenken (was kann ich noch; was bietet mir das Leben).

Vorteile der Behandlung älterer Suchtkranker in altershomogenen Gruppen

Die Möglichkeit, ältere Suchtkranke in einer altershomogenen Gruppe zu behandeln bietet eine Vielzahl von Vorteilen. Das Miteinander in der Therapiegruppe fördert die Fähigkeit zur Kontakt- und Beziehungsaufnahme. Auf dem Hintergrund der starken Scham- und Schuldproblematik erleichtert die altershomogene Gruppe es den Betroffenen sich in stationäre Therapie zu begeben:  ich bin nicht die einzige „Oma“, die trinkt oder der einzige Rentner, der Haus und Hof verspielt hat, sondern ich absolviere meine Therapie im Kreis von Gleichaltrigen, die ebenso wie ich im Alter suchtkrank geworden sind bzw. schon eine lange Leidenszeit hinter sich haben. Der gemeinsame Erfahrungshintergrund und ähnliche Wertvorstellungen erleichtern es, in der Gruppe oder im Zweiergespräch über private Dinge zu sprechen und sich zu öffnen. Interessen werden geteilt; die gemeinsame Freizeitgestaltung fällt leichter. Negative Übertragungsmuster von jüngeren Patienten auf die Älteren werden vermieden ( der ältere Suchtkranke als Stellvertreter für Vater-Sohn oder Mutter-Tochter Konflikte in einer auf das Alter bezogenen weit gefächerten Therapiegruppe mit nur einigen wenigen älteren Patienten ). Und nicht zuletzt spiegelt die altershomogene Gruppe als Modell für die jetzige Lebensrealität die Situation von älteren Menschen in unserer Gesellschaft: die frühere Großfamilie existiert so nicht mehr; die heutigen Alten leben bestenfalls  in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen und haben familiäre Kontakte zu den eigenen Kindern oder Enkelkindern.

Fallbeispiel

Frau S., 64 Jahre alt,  kommt zur stationären Therapie aufgrund ihrer chronischen Alkoholerkrankung in die AHG Klinik Wigbertshöhe. Sie suchte ein Jahr zuvor auf dem Hintergrund der Empfehlung ihres Hausarztes erstmalig den Kontakt zu einer Suchtberatungsstelle, da sie feststellen musste, aus eigener Kraft ihr Suchtproblem nicht bewältigen zu können. Dem Hausarzt waren erhöhte Leberwerte, depressive Verstimmungen, wiederholte Stürze und Appetitverlust aufgefallen, und er thematisierte im Gespräch mit der Patientin den vermuteten Alkoholmissbrauch. Mit Hilfe der Beratungsstelle gelang es Frau S., für einige Monate mit dem Trinken aufzuhören, woraufhin sie den Kontakt zur Beratungsstelle abbrach. Den dringend empfohlenen Besuch einer Selbsthilfegruppe lehnte Frau S. kategorisch ab: sie schaffe das alleine und habe ihr Suchtproblem mittlerweile  im Griff. Außerdem sei sie doch keine Alkoholikerin und habe schließlich nur ein Problem mit Alkohol gehabt. Nach einem neuerlichen  Rückfall mit anschließender Entgiftung suchte sie erneut den Kontakt zur Beratungsstelle und stellte nach mehreren Beratungsgesprächen den Antrag auf stationäre Langzeittherapie in der +50 Gruppe.

Die ausführliche Anamnese ergibt das Bild einer Frau, welche seit über 30 Jahren missbräuchlich Alkohol konsumiert. Ihre Ehe scheitert, nachdem ihr Mann, mit dem sie zwei Kinder hat, sie wiederholt mit anderen Frauen betrügt. Als allein erziehende Mutter muss sie für den Lebensunterhalt ihrer Familie sorgen. Die doppelte Belastung durch Berufstätigkeit und Mutterschaft, der Anspruch, den Kindern eine gute Mutter sein zu wollen, verbunden mit dem Gefühl, den vielfältigen Ansprüchen nie gerecht werden zu können, die ständige Anspannung lassen sie verstärkt zum Alkohol greifen – eine „Lösung“, welche  ihr in ihrer Herkunftsfamilie bereits durch ihre eigene Mutter vorgelebt wurde.  Auf eigene Wünsche und Bedürfnisse zu achten hat sie nie gelernt. Nachdem die Kinder aus dem Haus sind, spürt Frau S. mit voller Wucht die Isolation, in die sie sich hineinmanövriert hat. Einige Jahre später bricht mit dem Abschied aus dem Berufsleben durch Frühverrentung die letzte verbliebene Säule ihres Lebens weg; das Ende ihrer Berufstätigkeit trifft die Patientin  völlig unvorbereitet und lässt sie endgültig die Kontrolle über ihren Suchtmittelgebrauch verlieren.

Schwerpunkt der Behandlung wird die Stärkung bzw. Wiederherstellung ihrer Kontakt- und Beziehungsfähigkeit. Schnell wird deutlich, dass sich hinter ihrem scheinbar selbstsicheren Auftreten ein sehr verunsicherter Mensch verbirgt, welcher den Glauben an seine früheren Kompetenzen verloren hat. Anfänglich negierte Beziehungswünsche können angesprochen werden; im Spiegel der Gruppe erlebt sich Frau S. als ein mit all seinen Problemen und Schwierigkeiten akzeptiertes und geschätztes Gruppenmitglied. Auf dem Hintergrund gemeinsamer Erfahrungen in der annähernd altershomogenen Gruppe vermag sie erstmalig über ihre Kriegserlebnisse berichten, wie sie als kleines Mädchen die Bombenangriffe auf ihre Heimatstadt miterleben musste, von ihrer Angst im Luftschutzkeller und der ständigen Sorge, ihrer Mutter könnte etwas passieren, von ihrem Vater, den sie erst als siebenjährige aus der Gefangenschaft kommend kennen lernte, den fremden Mann, der ihr Vater sein sollte. Das Gespräch in ihrer Gruppe tut ihr spürbar gut, erleichtert die Patientin, mindert den inneren Druck. Überrascht stellt sie fest, auch ohne Schlaftabletten durchschlafen zu können.

Im kreativen Gestalten entdeckt sie ungewohnte Fähigkeiten; im Kreis ihrer Mitpatienten nimmt sie an geleiteten Aktivitäten wie Kegeln, Seniorentanz, Besuch des Tierheims teil, unternimmt an den Wochenenden diverse Ausflüge. Frau S. blüht auf. Im Verlauf der stationären Therapie lernt sie verschiedene Selbsthilfegruppen kennen, welche zu den Patienten in die Klinik kommen und ihre Arbeit vorstellen. So verliert sie ihre Berührungsängste gegenüber den Selbsthilfegruppen.

Zum Ende der Behandlung wächst die Angst davor, wieder in ihre alte Umgebung zurückzukehren. Intensiv werden die Nachsorgemöglichkeiten (Beratungsstelle, SHG) mit ihr besprochen und vorbereitet, erste Kontakte zu Organisationen geknüpft, bei denen Frau S. sich zukünftig vorstellen kann, aktiv ehrenamtlich mitzuarbeiten und ihre Kompetenzen einzubringen. Nach 12 Wochen Therapiedauer kehrt Frau S. wieder nach Hause zurück.

Schlussbemerkung

Zum Ende meiner Darlegungen  möchte ich noch einmal auf die eingangs erwähnte Meinung  „gönn dem Opa doch sein Bierchen…“ eingehen und in einer Umkehrung dazu aufrufen, Strukturen und Hilfsmöglichkeiten  für ältere Suchtkranke zu schaffen,  um es auch älteren Betroffenen zu ermöglichen, ein freies und selbst bestimmtes  Leben ohne Suchtmittelgebrauch zu führen:  Gönnen wir es dem Opa doch, dass er sein tägliches Bier nicht mehr braucht!

(Artikel veröffentlicht in  Zeitschrift der Freundeskreise; das Recht zur weiteren Verwendung und Veröffentlichung bleibt beim Autor)

Schwager, Jean-Christoph  M.A., Sozialtherapeut GVS, Gruppentherapeut an der AHG Klinik Wigbertshöhe, seit 15 Jahren im Suchtbereich tätig, in den letzten 7 Jahren mit dem Spezialgebiet Sucht im Alter als Gruppentherapeut Leiter einer „+50“-Gruppe für ältere suchtkranke Menschen.

 

AHG Klinik Wigbertshöhe, Am Hainberg 10-12, 36251 Bad Hersfeld.

Telefon : +49 6621 185-33,  E-mail: j.c.schwager@ fachklinik-wigertshoehe.de;

 www.ahg.de/Wigbertshoehe

 

Weitere Informationen

Chefärztin

Chefärztin Dr. med. Dipl. Psych. Heike Hinz

Dr. med.  Dipl. Psych. Heike Hinz

Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Zusatztitel Sozialmedizin, Diplom-Psychologin

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