AHG Klinik Wigbertshöhe  
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Rehabilitation Glücksspielsüchtiger

Konzept zur medizinischen Rehabilitation Glücksspielsüchtiger

Für die Behandlung der glücksspielsüchtigen Patientinnen und Patienten besteht ein Ergänzungskonzept zu dem Basiskonzept.

Unsere Patientinnen und Patienten sind durch ihre Glücksspielsucht in schwere soziale und psychische Krisen geraten, die zu psychosomatischen Erkrankungen und häufig auch zu Dissozialität und Suizidalitäten geführt haben. Die Berufstätigkeit ist dadurch bedroht oder eine Integration ins Arbeitsleben bereits verloren, Versuche zur Reintegration gescheitert. Das süchtige Spielverhalten steht im Vordergrund des Engagements und der Interessen.

Das Ziel der Behandlung ist wie bei den stoffgebundenen Abhängigkeiten abstinenzorientiert. Neben der Wiederherstellung von Abstinenzfähigkeit sind die Hintergründe für das Suchtverhalten und damit die Erarbeitung von dauerhafter Abstinenzfähigkeit und Reintegration in ein stabiles Beziehungssystem und eine Berufstätigkeit Therapiefocus. Bei der psychischen Stabilisierung spielen neben der Psychotherapie die Fachtherapien eine wichtige Rolle. Sozialarbeit, Schuldenregulierung und die Einübung des Umgangs mit Geld nimmt bei diesen Patientinnen und Patienten einen breiten Raum ein.

Hintergrund der Erkrankung

Hintergrund der behandlungsbedürftigen Abhängigkeit vom Gücksspiel ist bei den meisten PatientInnen, die wir in der Fachklinik Wigbertshöhe behandeln, eine Persönlichkeitsstörung vom narzisstischen Typ. PatientInnen, bei denen das Glücksspiel nicht den Charakter einer Suchterkrankung hat, sind psychosomatisch erkrankten Menschen gleichzusetzen und daher in einer psychosomatischen Klinik zu behandeln. Menschen, die im Verlauf einer manischen Phase einer Psychose Als Psychose bezeichnet man eine psychische Erkrankung von erheblicher Auswirkung, deren Ursache nicht psychoreaktiv zu sehen ist. Man unterscheidet affektive Psychosen (wie die Depressionserkrankung oder die Manie) von den Psychosen des schizophrenen Formenkreises. Bei letzteren sind regelhaft Wahrnehmungs- und/oder Denkveränderungen zu beschreiben. Psychosen treten bei Menschen mit einer genetisch bedingten Empfänglichkeit gehäuft auf. Die Erkrankungsrate an der Schizophrenie liegt kulturübergreifend bei 1,5 %, bei Cannabis-konsumierenden Patientengruppen ist sie bei 6-9 %. Die Psychose wird medikamentös und psychotherapeutisch behandelt.  zum Glücksspiel greifen, sollten in eine psychiatrische Klinik aufgenommen werden.

Bei dem Glücksspiel handelt es sich um eine Suchterkrankung, wenn folgende für eine Sucht typische Kriterien gegeben sind:

1. Craving

Unsere Spieler empfinden einen imperativen Drang zum pathologischen Glücksspiel. Die Gedanken kreisen um das Glücksspiel, Interessen anderer Art gehen verloren. Wenn kein Geld mehr vorhanden ist, greifen Glücksspieler oft zu eigentlich persönlichkeitsfremden Maßnahmen, belügen und betrügen Angehörige und Freunde bis hin zu kriminellen Handlungen.

2. Kontrollverlust

Immer wieder fassen unsere Spieler den Entschluss, nicht mehr zu spielen, weniger zu spielen oder nur eine begrenzte Menge Geld zu verspielen und danach aufzuhören. Sie entwickeln Kontrollsysteme, indem sie z.B. am Eingang der Spielhalle Geld deponieren, nur mit einer geringen Menge Geld das Haus verlassen, Betreuer und Angehörige anhalten, ihr Geld zu verwalten. Trotz des klaren Willens, nicht mehr zu spielen, gelingen die Kontrollversuche nicht. Betreuer und Angehörige werden hintergangen, Geld wird wieder abgeholt und solange gespielt, bis kein „Spielgeld“ mehr vorhanden ist.

3. Toleranzentwicklung

Während zunächst mit kleinen Mengen Geld gespielt wird und am Anfang ein Gewinn als angenehmer „Thrill“ erlebt wird, steigen im Laufe der Erkrankung die Beträge, mit denen gespielt wird und die verloren werden, die Häufigkeit und Länge der Spielzeit nimmt zu. Es wird solange gespielt, bis gar kein Geld mehr verfügbar ist.

4. Entzugserscheinungen

Pathologische Glücksspieler beschreiben Entzugserscheinungen mit einer starken inneren Unruhe und Getriebenheit, Konzentrations- und Denkstörungen, vegetativen Symptomen und Angst bis hin zu Panikattacken in Zeiten, wenn Spielen aufgrund fehlenden Geldes nicht möglich ist. Um diesen hochgradig unangenehmen psychischen Zustand zu entgehen, greifen sie zu extremen Maßnahmen, um wieder spielen zu können. Die Unaushaltbarkeit des Erlebens kann bis zur Suizidalität führen./p>

5. Das Suchtmittel, Abstinenz und Rückfall

Ebenso wie bei den stoffgebundenen Süchten gibt es für Glücksspieler eine Abstinenznotwendigkeit. Wenn mit geringen Geldbeträgen oder gelegentlich mit dem Glücksspiel begonnen wird, entsteht im Sinne eines Suchtautomatismus sehr schnell wieder der Kontrollverlust und damit das süchtige Verhalten. Nur der vollständige Verzicht auf das Glücksspiel führt aus dem süchtigen Teufelskreis.

Rückfälle sind so zu bewerten wie bei stoffgebundenen Abhängigkeiten. Es muss ihnen sehr schnell begegnet werden, da die Erkrankten sonst wieder an dem Punkt ankommen, an dem sie mit dem Glücksspiel aufgehört haben und sich wieder seelisch und sozial ruinieren. Ebenso wie bei den stoffgebundenen Süchten reicht eine Aufarbeitung der Hintergründe nicht, um einen „kontrollierten“ Umgang mit dem Suchtverhalten zu ermöglichen. Bestimmte Gesellschaftsspiele mit Glücksspielcharakter wie Würfelspiele oder auch Kartenspiele können die Rückkehr in das pathologische Spielverhalten triggern, in gleicher Weise wie alkoholfreies Bier bei einer Alkoholabhängigkeit.

Geld in der Tasche ist ein Anreiz mit Aufforderungscharakter zum Glücksspiel. Geld wird als „Geld zum Spielen“ erlebt.

Verlauf der Glücksspielsucht

Während am Beginn der Spielerkarriere das Glücksspiel der Erleichterung und der Entlastung dient, verändert sich im Laufe der Erkrankung mit entstehender Abhängigkeit dessen Wirkung und Bedeutung. Wie bei stoffgebundenen Suchterkrankungen entsteht ein „Suchtautomatismus” mit einem unwiderstehlichen Zwang zu spielen. Die Gedanken kreisen um das Glücksspiel, die Spielhäufigkeit und die Höhe des Einsatzes und die Verluste steigen. Das Automaten- oder Casinospiel wird zum wichtigsten und schließlich einzigen Lebensinhalt. In einer submanischen Euphorie organisieren die PatientInnen Geld, um spielen zu können. Dabei gehen die Frustrations- und Spannungstoleranz, die Konflikt- und Beziehungsfähigkeit verloren, primitive Abwehrmechanismen wie Verleugnung, Projektion und Spaltung treten in den Vordergrund.

Folgen der Erkrankung und deren Auswirkung auf die Erwerbstätigkeit und das Leistungsvermögen

Glücksspielsüchtige vernachlässigen jede Selbstfürsorge. Sie achten weder auf ausreichend Schlaf noch ausreichende Nahrungsaufnahme, körperliche Erkrankungen werden nicht ernst genommen, sodass somatische Symptome entstehen und chronifizieren. Durch Abnahme der Konflikt- und Spannungstoleranz werden zwischenmenschliche Auseinandersetzungen schnell als unerträglich erlebt und führen zusätzlich zu psychosomatischen Störungen. Da das Durchhaltevermögen und die Konzentrationsfähigkeit nachlassen, entstehen Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, die als „Mobbing“ erlebt werden können. Selbst Befindlichkeitsstörungen überfordern dann die Kompensationsmöglichkeiten der PatientInnen und führen zu Arbeitsunfähigkeit

Der Zwang zum Spielen führt zur Unzuverlässigkeit und zu Unregelmäßigkeiten am Arbeitsplatz (Geldunterschlagung, unentschuldigte Abwesenheit stunden-, später auch tageweise). Dadurch verliert die Patientin/der Patient den Arbeitsplatz. Der Antrieb, sich um einen neuen Arbeitsplatz zu kümmern, fehlt weitgehend, da alle Energien durch das Glücksspiel gebunden sind. Wenn es dennoch gelingt, eine neue Berufstätigkeit zu finden, geht diese meist ebenso schnell wieder verloren.

Sich für andere Dinge als das Glücksspiel zu engagieren, gelingt nicht mehr. Freunde, Eltern, Ehegatten und Kinder werden bestohlen, belogen und betrogen. Dies führt zu Beziehungsabbrüchen, schließlich zum Verlust der sozialen Bezüge und damit zu Isolation und Vereinsamung. In Phasen, in denen Glücksspiel aufgrund des anwachsenden Schuldenberges und Geldmangels nicht möglich ist, führt eine ausgeprägte narzisstische Depression mit heftigen Scham- und Schuldgefühlen zu Selbstentwertung und Hoffnungslosigkeit bis hin zur Suizidalität. Fast alle unsere PatientInnen haben in der Vergangenheit imperative Suizidgedanken und -phantasien, weit mehr als die Hälfte einen oder mehrere Suizidversuche in der Vorgeschichte. Diese Verzweiflung führt letztendlich bei vielen unserer PatientInnen zum Therapieantrag mit dem Wunsch, aus dem Teufelskreis der Sucht herauszufinden, um sich so sozial und beruflich zu reintegrieren und psychisch zu stabilisieren.

Eine große Zahl unserer Glücksspieler hat in Phasen, in denen Gücksspiel z.B. aus Geldmangel nicht möglich war, andere Suchtmittel konsumiert - meist exzessiv und in schädlichem Maße Alkohol - mit der Gefahr der Suchtverlagerung, oder es besteht eine Doppel- oder auch Mehrfachabhängigkeit.

Behandlungskonzept

Für die Behandlung Glücksspielsüchtiger ist ein breites Therapiekonzept notwendig. Einmal ist eine abstinente Atmosphäre wichtig sowie die Aufklärung über den Suchtcharakter der Erkrankung, um so eine Abstinenzmotivation zu erreichen. Zum anderen geht es um Entwicklung von Abstinenzfähigkeit durch Erarbeitung der Hintergründe des Suchtverhaltens, der Verbesserung der Selbstkontrolle und -steuerung, der Beziehungs- und Konfliktfähigkeit, der Selbstfürsorge, der Auseinandersetzung mit Grenzen und der sozialen und beruflichen Wiedereingliederung. Der Umgang mit Geld muss gelernt und die Bedeutung von Geld als Schlüsselreiz des Suchtverhaltens verstanden werden.

Die PatientInnen werden aufgenommen in eine der „reinen“ Spielergruppen oder - bei entsprechender Indikation - in eine Therapiegruppe zusammen mit anderen PatientInnen, die an einer stoffgebundenen Suchterkrankung leiden.

Die psychotherapeutischen Einzel- und Gruppengespräche, dienen der Durcharbeitung der psychodynamischen Grundlage der Suchterkrankung.

Durch den regelmäßigen Besuch von externen Glücksspielerselbsthilfe-gruppen in der Klinik wird die Fähigkeit gefördert, nach der Entlassung für sich selbst und die eigene Abstinenz Die Abstinenz ist der völlige Verzicht auf ein Suchtmittel (Alkohol).
In einer Therapie erlernt der Alkoholabhängige nicht, dass er nicht mehr trinken darf, sondern dass er nicht mehr trinken muss.
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In einer Therapie erlernt der Alkoholabhängige nicht, dass er nicht mehr spielen darf, sondern dass er nicht mehr spielen muss. zu sorgen und sich dafür angemessene Unterstützung zu holen. Die Auseinandersetzung mit abstinenten Glücksspielern, deren Problemen und Lösungsstrategien gibt Hilfe beim Verstehen der eigenen Schwierigkeiten und ermöglicht beispielhafte Identifikation mit erfolgreicher abstinenter Lebensgestaltung.

In der Ergotherapie, dabei besonders in der Arbeitstherapie, wird Durchhaltevermögen, Zuverlässigkeit, Auseinandersetzungsfähigkeit und Kompromissbildung erarbeitet, damit PatientInnen in Zukunft wieder in der Lage sind, längerfristig den Anforderungen, die eine Arbeitsstelle des allgemeinen Arbeitsmarktes an sie stellt, zu genügen und arbeitsplatzbedingte Konflikte zu meistern. Über das Bewerbungstraining wird eine angemessene Tätigkeit gesucht und bei dem Kontakt zum Arbeitsamt versucht, einen Arbeitsplatz zu finden oder die Aufnahme einer Tätigkeit vorzubereiten.

Im Freizeittraining und in der kreativen Gestaltung werden Fähigkeiten entdeckt und freudvolles gemeinsames Handeln eingeübt, um so die Beziehungsfähigkeit außerhalb des illusionären Kontaktes zu den Automaten oder den Beschäftigten in Spielcasinos und Spielotheken zu entwickeln, es entsteht Selbstbewusstsein und Selbstakzeptanz in realen Bezügen.

Der Umgang mit Geld wird über einen individuellen, mit dem Therapeuten erarbeiteten „Haushaltsplan“ und ein klar strukturiertes Geldmanagement trainiert. Über den Sozialdienst und die regelmäßig in der Klinik stattfindende Schuldnerberatung durch eine Mitarbeiterin der Hersfelder Schuldnerberatungsstelle werden konkrete äußere Schwierigkeiten geklärt, ein Plan für die Schuldentilgung vorbereitet und der Kontakt mit der Schuldnerberatung am Heimatort hergestellt.

Von zentraler Bedeutung ist die Anbahnung einer Weiterbetreuung der PatientInnen durch ambulante Fortführung der Behandlung in geeigneten Beratungsstellen oder anschließender Psychotherapie durch Psychologen oder Ärzte, die Kenntnis und Erfahrung im Umgang mit dem Krankheitsbild haben. Für einige unserer PatientInnen ist die Verlegung in die Adaption oder auch in eine Einrichtungen des Betreuten Wohnens im Anschluss an die stationäre Rehabilitation indiziert, weil sie zusätzliche Hilfe bei der konkreten sozialen und beruflichen Reintegration benötigen.

Die Fachklinik Wigbertshöhe arbeitet eng mit Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen, die sich auch speziell mit dem Krankheitsbild beschäftigen, zusammen. Durch Veranstaltungen in der Klinik, in denen neben der Vertiefung des Wissens der Austausch von Erfahrungen eine große Rolle spielt, bemühen wir uns um Vernetzung und Weiterentwicklung der therapeutischen Konzepte für dieses Klientel.

 

 




Weitere Informationen

Chefärztin

Chefärztin Dr. med. Dipl. Psych. Heike Hinz

Dr. med.  Dipl. Psych. Heike Hinz

Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Zusatztitel Sozialmedizin, Diplom-Psychologin

Kontakt:

Tel. +49 6621 185-0
Fax +49 6621 185-85
E-Mail wigbertshoehe@ahg.de


Adresse:
AHG Klinik Wigbertshöhe
Am Hainberg 10-12
36251 Bad Hersfeld