Selbsthilfegruppentag vom 20.03.2010
Familie und Sucht
Als wir im letzten November das Thema für den diesjährigen Selbsthilfegruppentag festlegten, stieß es auf meine ungeteilte Zustimmung. Es ist ja das Urthema jeder Psychotherapie, wieweit die Familienstrukturen, die frühen Erfahrungen in der Familie unsere Bindungsfähigkeit, unsere Überzeugungen über uns und andere, unsere Beziehungsfähigkeit, unseren Umgang mit uns und anderen prägen. Und es passte auch vorzüglich zum Thema unseres diesjährigen Richelsdorfer Gesprächs: Sucht und Gewalt als einen Teilaspekt vieler süchtiger Familien.
Als ich dann begann mich näher mit dem Thema Familie und Sucht zu beschäftigen, wurde mir dann doch etwas mulmig. Wo sollte ich anfangen, wo aufhören? Ich entschied mich schließlich für einen Querschnitt. Einige Aspekte werden sicherlich mehr hervorgehoben werden, andere eher gestreift. Doch hier im Saal sitzen viele Menschen, ehemals Suchtmittelabhängige wie auch Angehörige und alle haben ihre spezifischen Familienerfahrungen. Mein Ziel ist es, Sie möglichst alle anzusprechen, so dass Sie sich in meinem Vortrag wiederfinden können.
In Deutschland leben etwa 4 Millionen Menschen zeitweise oder dauerhaft mit einem suchmittelabhängigen Menschen zusammen, deutlich mehr als es Alkoholiker gibt. Es sind dies Eltern, Partner, Kinder, Geschwister. Was erleben Sie, welche Auswirkungen hat die Sucht auf sie? Es gibt ein lesenswertes Buch, das sich damit befasst, zumindest mit den Kindern von Suchtkranken: Ursula Lambrou; Familienkrankheit Alkoholismus. Von der wissenschaftlichen Seite hat sich ein Autorenteam um Rainer Thomasius mit dem Thema beschäftigt. Ihr Band trägt den Titel: Familie und Sucht.
Letztendlich kommen alle Therapieschulen zu dem Ergebnis, dass der Familie ein wesentlicher bzw. der wesentliche Anteil an der Entwicklung des Einzelnen zukommt. Sie prägt unser Beziehungserleben und unser Beziehungsverhalten. In ihr lernen wir am elterlichen und geschwisterlichen Modell, wie man sich in bestimmten Situationen verhält. Sie prägt unsere Überzeugungen über uns und andere. Doch das alles geschieht nicht losgelöst von uns selbst. Alle Familienmitglieder sind in Interaktion, bilden ein System, zu dessen Gleichgewicht jeder seinen Beitrag leistet.
Und natürlich ist die Familie auch von den Auswirkungen jedweden Substanzmissbrauchs mehr oder weniger unmittelbar betroffen. Doch auch dies ist keine Einbahnstraße. Angehörige nehmen auf die Entwicklung und den Verlauf süchtigen Verhaltens wesentlichen Einfluss, ebenso wie auch zur Abstinenzentwicklung.
Ich will daher im folgenden auf die genannten Aspekte näher eingehen. Bei der Vielschichtigkeit des Themas ist ein Anspruch auf Vollständigkeit natürlich nicht einzulösen.
Nach bisherigen Forschungsbefunden kann festgestellt werden, dass das Vorliegen von familiären Substanzproblemen einen hohen Vorhersagewert hat für die Entwicklung von Substanzproblemen bei den Kindern. Es besteht ein bis zu siebenmal höheres Risiko für eine eigene Suchterkrankung als bei unbelasteten Familien. Drei elterliche Einflüsse auf den Substanzkonsum spielen dabei eine Rolle:
- Der elterliche Konsum (als Nachahmungsverhalten):
Höherer elterlicher Konsum von Alkohol und Nikotin führen zu einem früheren und größeren Substanzkonsum bei Jugendlichen
- Elterliche Einstellungen zum Substanzkonsum (als Bekräftigung):
Liberale elterliche Normen und eigener hoher Konsum haben Einfluss auf das Trinkverhalten, allerdings eher bei Jugendlichen mit hohem Aktivitäts- und Erregungsniveau sowie geringer Gehemmtheit auch für normabweichendes Verhalten.
- Die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung:
Elterliche Wärme und Zuwendung, positive elterliche Gefühle für das Kind, gekoppelt mit klaren Verhaltenserwartungen fördern soziale und kognitive Kompetenzen und damit eine günstige Entwicklung der Persönlichkeit (Stichwort „Kinder stark machen“), was wiederum schützt vor dem Missbrauch von Alkohol und Drogen.
Auch kritische Lebensereignisse der Eltern (Scheidung, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Unfälle) erhöhen das Risiko für jugendlichen Substanzkonsum.
Nicht zu vergessen sind natürlich die Einflüsse der Peergruppe (Gleichaltrigengruppe). Doch hier gilt: Jugendliche suchen sich gezielt solche Peergruppen, die gut zu eigenen Verhaltenstendenzen passen.
Wenig elterliche Aufsicht, geringer familiärer Zusammenhalt, ein hohes Ausmaß familiärer Konflikte sowie häufiges bzw. exzessives Trinken der Eltern erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche Kontakt zu solchen Peers (Freunden, Kumpels, Cliquen) suchen, die legale und illegale Substanzen konsumieren und auch anderweitiges Problemverhalten zeigen.
Nicht selten erleben Kinder in Suchtfamilien reale Traumatisierungen wie z. B. sexuellen Missbrauch, physische und psychische Misshandlung und Vernachlässigung. Je schwerer und lang andauernder diese Traumatisierungen (Verletzungen) waren, um so höher ist das Risiko, im späteren Verlauf an einer Suchterkrankung zu leiden. Im Bemühen, die Albträume, wieder aufflammenden Bilder und Gefühle (flash backs) und Ängste unter Kontrolle zu bringen bzw. sich zu betäuben, greifen viele zu Alkohol und Drogen im Sinne einer Selbstmedikation. Gleichzeitig ist dabei jedoch immer auch an die destruktive, selbstzerstörerische Seite zu denken in dem Sinne, nicht wert zu sein zu leben. Nach Studien ist das Inzestrisiko für Kinder aus Suchtfamilien dreimal höher als das von Kindern, deren Eltern keine Alkoholiker waren.
Ich will im folgenden noch bei den Kindern aus suchtbelasteten Familien bleiben, ehe ich dann zu dem Thema Co-Abhängigkeit komme, das ja sicherlich von Ihnen schon erwartet wird.
In Deutschland ist etwa von 2,7 Mio. Kindern und Jugendlichen im Alter bis zu 18 Jahren in alkoholbelasteten Familien auszugehen. D. h. dass etwa jedes siebte Kind von der Alkoholstörung eines Elternteils betroffen ist. Sie sind die größte Risikogruppe für spätere Suchtstörungen. Auch wir in der Klinik machen die Erfahrung, dass unsere alkoholabhängigen Patienten oft aus Familien stammen, in denen bereits Vater oder Mutter oder beide Elternteile abhängig waren. Auch das Risiko für eine Erkrankung an anderen psychischen Störungen wie z. B. Angststörungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, ist für Kinder aus suchtbelasteten Familien deutlich erhöht.
Kinder in suchtbelasteten Familien sind Stressfaktoren ausgesetzt wie z. B. Disharmonie im Familienleben, Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit im Verhalten der Eltern, häufige Trennungsszenarien in der Familie, Ängste und Sorgen um Gesundheit und Leben der Eltern, Scham- und Schuldgefühle sowie soziale Isolation.
Ausdrücklich möchte ich dazu noch einmal auf das Buch vom Ursula Lambrou verweisen. Als kleine Anregung für die Selbsthilfegruppen. Lesen Sie an Gruppenabenden gelegentlich einen Abschnitt daraus vor und diskutieren Sie anschließend darüber.
Kinder in Suchtfamilien verinnerlichen oft auch die familiären Regeln wie Gefühlskontrolle (stell dich nicht so an, reiß dich zusammen), besonders starre Regeln (man hat sich so und so zu verhalten und nicht anders), Schweigen (Unliebsames wird nicht angesprochen, die Sucht wird beschwiegen), Verleugnung (es ist alles gar nicht so schlimm, Vater geht`s heute nicht so gut) und Isolation (damit keiner was mitbekommt). Es sind dies Regeln, die der scheinbaren Problembewältigung dienen sollen, doch die Probleme eher verfestigen.
Im Vergleich zum Durchschnitt aller Kinder beginnen Kinder aus suchtbelasteten Familien früher mit dem Alkohol- und Drogenmissbrauch, leiden häufiger unter Ängsten, Depressionen und Essstörungen, entwickeln ein geringeres Selbstwertgefühl und eine deutlich geringere Selbstwirksamkeitserwartung; sie zeigen eine stärkere Hyperaktivität, Impulsivität und Aggressivität, haben deutlich schlechtere Schulleistungen sowie im späteren Leben stärkere innerfamiliäre Konflikte. Und Alkohol verringert das subjektive Stressempfinden, Alkohol beruhigt, entspannt und dämpft die unangenehmen Gefühle.
Töchter suchtkranker Väter haben zudem eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, einen suchtkranken Mann zum Partner zu wählen; ein Phänomen, das wir auch in der Klinik häufig beobachten, z. B bei Angehörigenseminaren oder bei Paargesprächen.
Ich komme nun auf familiäre Einflussfaktoren auf den Süchtigen zu sprechen. Vor allem Kinder und Partner können den Verlauf beeinflussen. Schon allein das Vorhandensein von Partnern und Familie verbessert die Behandlungsprognose, sofern sich der Süchtige zur Behandlung entschließt. Aber: viele Partner von Suchtkranken leiden unter stressbedingten Erkrankungen wie z. B. Depressionen, Ängsten, posttraumatischen und akuten Belastungsstörungen oder psychosomatischen Symptomen. Das heißt, sie brauchen selbst Hilfe um wieder gesunden zu können.
Wenn man sich die familiären Einflüsse betrachtet, kommt man natürlich nicht um das Thema Co-Abhängigkeit herum, Mit Co-Abhängigkeit bezeichnet man nach Thomasius „Haltungen und Vorgehensweisen von Personen, die durch ihr Tun bzw. Unterlassungen dazu beitragen, dass der süchtige oder suchtgefährdete Mensch süchtig oder suchtgefährdet bleiben kann.“ Allerdings sollte man sich davor hüten, diesen Begriff im Sinne einer Schuldzuweisung oder Stigmatisierung zu benutzen. Ich kenne dies noch allzu gut aus meinen frühen Erfahrungen in der Suchtkrankenbehandlung, als bei Angehörigenseminaren eine gehörige Portion Schuldzuweisung an die Angehörigen verteilt wurde.
Es gibt natürlich problematische Verhaltensweisen und einige im Saal werden diese nur allzu gut kennen. Dazu gehören: übermäßige Verantwortung für den Abhängigen übernehmen (wer hätte es denn sonst tun sollen...), das Verhalten des Abhängigen entschuldigen und rechtfertigen (er hatte doch so eine schwere Kindheit...), dem Abhängigen Belastungen abnehmen oder ersparen wollen (er ist doch sowieso schon so belastet...), exzessive Kontrolle ausüben, (z. B. ständig Verstecke suchen, Geld einteilen...), den Abhängigen von Alkohol fernhalten wollen (auf Feiern verzichten, da dabei ja getrunken wird...), dem Abhängigen ständig mit Misstrauen begegnen, ihn beim Lügen ertappen wollen, selbst gegenüber anderen unaufrichtig sein (nein, bei uns ist alles in Ordnung, mir geht es gut...). Sicherlich ist dieses Verhalten problematisch, doch der Angehörige steckt auch in einem Dilemma, denn ganz leicht kann fehlende Kontrolle und Einflussnahme als Gleichgültigkeit dem Abhängigen gegenüber verurteilt werden und eine Schuldzuweisung an der Abhängigkeit konstruiert werden (anstatt ihrem Mann zu helfen und beizustehen....)
Wie w. o. schon bei en Kindern erwähnt leben sowohl Kinder wie auch Partner von Suchtkranken unter stärkeren Belastungen als Menschen in funktionierenden Familien. Und oft herrscht das Gefühl, diese Belastungen und den einhergehenden Stress weder verändern noch wirklich kontrollieren zu können. Belastungen sind z. B. die Unzuverlässigkeit und Unberechenbarkeit des suchtkranken Partners, die Vernachlässigung, Aggression und Gewalttätigkeit, sexuelle Übergriffe bis hin zu Vergewaltigung, finanzielle Konflikte, z. B. auch durch Arbeitsplatzverlust, Schulden, soziale Isolation (ich kenne viele Frauen, die nicht mehr zu Feiern gegangen sind, aus Angst, der Mann könnte sich betrinken und sich daneben benehmen – einige gingen dann irgendwann alleine hin, doch das ist dann schon ein Genesungs- bzw. Emanzipationsprozess).
Eine naheliegende Frage ist natürlich, wieso Angehörige oft viele Jahre starken Leidens ertragen. Das hat in der Regel mit bestimmten Grundannahmen zu tun, die Angehörige mitbringen – wie auch das Verhalten von uns allen durch bestimmte uns eigene Grundannahmen geprägt ist. Eine häufige Annahme bei Partnerinnen von Abhängigen ist z. B. dass das Suchtproblem sich durch ausreichend Liebe, Geduld und Ausdauer schon irgendwann lösen wird. Möglicherweise kommt die Überzeugung hinzu, dass man sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellen darf, dass die Bedürfnisse anderer wichtiger sind als die eigenen oder die Überzeugung, dass man andere mit Kontrolle dauerhaft ändern könne. Es kann auch sein, dass man der Überzeugung ist, dass man sowieso nichts ändern kann oder dass man im Konfliktfall sowieso unterlegen ist.
Diese Annahmen bzw. Grundhaltungen fallen allerdings nicht vom Himmel. Sie sind geprägt durch frühe Erfahrungen in der eigenen Familie. Dazu ein interessanter Befund: sowohl die klinische Erfahrung wie auch empirische Studien bestätigen, dass Töchter suchtkranker Väter in erhöhtem Maße einen suchtkranken Mann zum Partner wählen. Etwa 45 % der Töchter alkoholkranker Väter heiraten in erster Ehe einen Mann, der alkoholabhängig ist. Und nach einer Scheidung oder Trennung geraten sie oftmals wieder an einen suchtkranken Partner. Dies gilt allerdings nur für die Töchter Suchtkranker Väter, bei Söhnen bestätigt sich dieser Effekt nicht.
Wir haben bei unserem heutigen Thema „Familie und Sucht“ bis jetzt überwiegend das Thema Alkoholabhängigkeit behandelt. Das liegt zum einen daran, dass es zum Thema Alkoholabhängigkeit eine Fülle von Befunden und Ergebnissen bzgl. der familiären Einflussfaktoren gibt, während die Medikamentenabhängigkeit nach wie vor die stille unauffällige Sucht darstellt. Nach Schätzungen sind jedoch 1 – 1.5 Mio. Menschen in Deutschland medikamentenabhängig, davon rund 70 Prozent von Benzodiazepinen (Schlaf- und Beruhigungsmittel wie z. B. Diazepam, Oxazepam, Zolpidem). Der Beginn der Arzneimittelsucht wird häufig durch eine körperliche oder psychische Störung bzw. Krankheit bestimmt. Die Familie bzw. familiäre Einflussfaktoren spielen bei Medikamentenabhängigen eine weniger große Rolle als bei Alkoholkranken. Die wichtigste Bezugsperson des Medikamentenabhängigen ist über lange Jahre der verschreibende Arzt und es handelt sich überwiegend um Frauen im mittleren und hohen Lebensalter. Zudem sind Medikamentenabhängige nur schwer zu motivieren, an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen; nach einer größeren Studie in Niedersachsen haben nur etwas über 8 % der Medikamentenabhängigen jemals an einer Selbsthilfegruppe teilgenommen, während es bei Alkoholabhängigen etwa 40 % waren. In Entwöhnungsbehandlungen finden sich sogar nur 2% Medikamentenabhängige. Zudem fühlen sie sich in Selbsthilfegruppen zusammen mit Alkoholabhängigen oft auch unverstanden. In der Klinik haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich dies verändert , wenn die Zahl der Medikamentenabhängigen in einer Gruppe sich erhöht. Dann können Alkohol- und Medikamentenabhängige eine Menge voneinander lernen.
Eine weitere große Gruppe substanzbezogener Abhängigkeit soll nicht unerwähnt bleiben, die Drogenabhängigen. Hier wiederum haben die familiären Einflussfaktoren für die Entwicklung von Drogenmissbrauch einen hohen Stellenwert, sowohl in günstiger wie ungünstiger Hinsicht. Thomasius fasst die vorliegenden zahlreichen Befunde wie folgt zusammen: „ wenn die Eltern oder Geschwister antisoziales Verhalten oder geringe Konventionalität aufweisen oder wenn sie kaum Einfluss nehmen und wenig Unterstützung geben, dann unterliegen Jugendliche einem erhöhten Risiko für den Substanzmissbrauch. Der Erziehungsstil weist ebenfalls eine enge Beziehung zum Substanzmissbrauch auf. Inkonsequenz im Verhalten der Eltern, Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit für die emotionalen und materiellen Belange der Kinder, aber auch überprotektive (überbehütende) Erziehungs- und Bindungsstile korrelieren mit den problematischen Formen des Substanzgebrauchs der Kinder“.
Zusammengefasst gelten als familiäre Risikofaktoren:
- Genetische Faktoren
- Gewalt- und Missbrauchserfahrungen des Kindes (auch als Zuschauer)
- Massive Probleme der Eltern untereinander, dissoziales Verhalten der Eltern
- Eltern und Geschwister als negative Modelle des Substanzgebrauchs
- Fehlende elterliche Wärme, geringe Eltern-Kind Bindung, wenig Offenheit in der Kommunikation
- Die Art des Kontrollverhaltens der Eltern (laisser-faire oder überfordernd-kalt (autoritär)
-Soziale Isolation der Familie und Armut,
- Scheidung, Todesfall in der Familie und schließlich
- ein geringeres Zugehörigkeitsgefühl zur Herkunftsfamilie als zu den Peers.
Daneben gibt es auch eine Reihe von wirksamen familiären Schutzfaktoren gegen den Substanzgebrauch, wie z. B. eine Atmosphäre der Geborgenheit und Zuwendung sowie klare (Verhaltens-)Erwartungen an die Kinder. Diese Faktoren fördern die sozialen und kognitiven Kompetenzen, das Selbstvertauen und damit eine günstige Entwicklung der Persönlichkeit.
Wir haben nun einiges über die begünstigenden oder auch schützenden Faktoren für die Entwicklung einer Substanzabhängigkeit erfahren. Im folgenden und zu guter Letzt will ich noch einige Sätze zum Ausstieg aus der Sucht und zu einem möglichen familiären Beitrag dazu verlieren.
Übereinstimmung herrscht, dass nach Aufnahme einer Entwöhnungsbehandlung die Einbindung Angehöriger in den therapeutischen Ablauf angestrebt werden sollte, trotz aller Widerstände auf beiden Seiten, (z. B befürchten beide Partner einseitige Schuldzuweisungen, darüber hinaus atmen viele Angehörige erst mal auf, wenn das suchtmittelabhängige Familienmitglied anderweitig „gut versorgt“ ist). Doch wenn man bedenkt, dass die Suchterkrankung eines Familienmitglieds das gesamte Familiensystem betrifft und belastet, so wird auch klar, dass die Abstinenz Die Abstinenz ist der völlige Verzicht auf ein Suchtmittel (Alkohol).
In einer Therapie erlernt der Alkoholabhängige nicht, dass er nicht mehr trinken darf, sondern dass er nicht mehr trinken muss. eines Familienmitglieds auch die übrigen Familienmitglieder vor erhebliche Änderungs- und Anpassungsaufgaben stellt. In den meisten Kliniken finden daher Angehörigenseminare unterschiedlicher Länge statt, zusätzlich sind oft Paargespräche vorgesehen und sinnvoll, evtl. auch Familiengespräche. Sie haben dann Aussicht auf Erfolg, wenn beide anerkennen können, dass die Entwicklung von Abhängigkeit als fehlgeschlagener Lösungsversuch für lebensgeschichtliche und familiäre Anpassungsanforderungen verstanden werden kann, denn dann kann man auch eine gegenseitige Beeinflussung anerkennen. Und natürlich gilt für beide, Süchtige wie Angehörige: beide sollten sich bemühen um eine Stärkung der eigenen seelischen Gesundheit.
Alfred Scheib
Ltd. Psychologe
AHG Klinik Richelsdorf
Kirchrain 2a
36208 Wildeck
Literatur:
Lambrou, Ursula; Familienkrankheit Alkoholismus; rororo 2009
Thomasius, Rainer et al.; Familie und Sucht; Schattauer 2005