Pathologische Glücksspieler haben oft ein geringes Selbstwertgefühl, das schon tiefe biographische Wurzeln hat. Oft findet man die sogenannte „Broken home-Situation“, die aufgrund frühkindlicher Schädigungen einschließlich häufiger Missbrauchserfahrungen zu einer krisenhaften Entwicklung bei dem Heranwachsenden führt. Als besonders bedeutsam erscheint dabei eine gestörte Beziehung zum Vater, da dieser häufig, auch aufgrund einer bestehenden Suchterkrankung, abwesend war und als autoritär oder gegenteilig als schwach erlebt wurde. Die für pathologische Glücksspieler charakteristische Störung der Gefühlsregulation steht in Abhängigkeit von dieser tiefen Selbstwertbedrohung, da die damit verbundenen Gefühle des Versagens, der Trauer und der Wut unterdrückt werden. Das Glücksspielverhalten bietet sich dabei als spannungsabbauende Ersatzhandlung an, die einen aktionsreichen Erregungszustand ermöglicht, so dass diese negativen Gefühle nicht mehr erlebt werden müssen. Die für Glücksspieler typische Störung der Beziehungsbildung lässt sich ebenfalls auf dem Hintergrund der Selbstwertproblematik verstehen, da aus den familiär erfahrenen emotionalen Vernachlässigungen eine Angst vor persönlichem Versagen und sozialer Ablehnung resultiert, so dass reale Konflikte vermieden werden. Stattdessen entwickeln sich einseitig auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichtete und durch leistungsorientiertes Konkurrenzverhalten bestimmte Muster, die nahe Beziehungen und damit die Angst vor Zurückweisung ausschließen.
Die Anfälligkeit zur Entwicklung einer Glücksspielproblematik ergibt sich nach heute gültigen Annahmen aus einer spezifischen Bedürfnisstruktur, die darauf gerichtet ist, das Selbstwertgefühl zu steigern, unangenehme Gefühle zu vermeiden und maximale Gewinne aus Beziehungen zu ziehen. Hier liegt die Schnittstelle der Wechselwirkung mit dem Glücksspielangebot als äußerer Anreizsituation. Das Glücksspielen ermöglicht Handlungen, die das Selbstwertgefühl steigern, die der Gefühlsregulation dienen, indem positive Gefühle erlebt und negative Gefühle ersatzweise ausgelebt oder vermieden und indem distanziert-kontrollierte Beziehungen hergestellt werden, die eine zu große Nähe verhindern.
Unterstützt wird diese Entwicklung auch durch eine Verzerrung und Fehlverarbeitung von Informationen über die Gewinn- und Verlustmöglichkeiten beim Glücksspielen. Dabei steht die glücksspielerspezifische Kontrollillusionen im Mittelpunkt, da pathologische Glücksspieler davon ausgehen, dass sie trotz Verlusten anderer Personen über die Fähigkeit verfügen, den Ausgang des Glücksspiels kontrollieren (= beeinflussen) zu können. Dabei kommt es zu verzerrten Ergebnisbewertungen, indem Gewinne den eigenen Fähigkeiten und Verluste äußeren Hindernissen zugeschrieben werden. So kann ein Geldautomatenspieler zwar rational anerkennen, dass ein Geldspielautomat aufgrund seines Zufallsgenerators zu einer festen Verlustquote führt, gleichzeitig jedoch davon überzeugt sein, dass er einen speziellen Automatentyp mit Hilfe besonderer Spieltechniken beherrschen kann.
Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit, Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen inklusive Traumafolgen, Depressionen, geschlechtsspezifische Vorgehensweisen insbesondere pathologisches Glücksspielen bei Frauen, Pathologischer PC-/ Internet-Gebrauch (Computersucht)
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