Dr. med. Thorsten Rottschäfer
Facharzt für Innere Medizin, Psychotherapie, Suchtmedizinische Grundversorgung, Sport- und Notfallmedizin
Die gegenwärtige Forschung favorisiert ein „multidimensionales“ bzw. „multifaktorielles“ Bedingungsmodell, in dem biologische Faktoren (z.B. genetische Einflüsse), pharmakologische, psychologische und soziale Bedingungen sich gegenseitig beeinflussen und die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeit begünstigen, wobei die psychotrope Substanz selbst ihrerseits wieder Auswirkungen auf die auslösenden Bedingungen hat. Bei diesem Modell handelt es sich im strengen Sinne um eine Ansammlung von Partialtheorien und nicht um ein integriertes Theoriemodell. Die dargestellten Überlegungen haben auch die Entwicklung des Rehabilitationskonzeptes der AHG Klinik Mecklenburg geprägt.
Die Abhängigkeit von psychotropen Substanzen ist erkennbar an einer deutlichen Toleranzentwicklung (Gewöhnung) bei Genuss der Substanz, Kontrollverlust über die Trinkmenge, körperliche und psychische Entzugssymptome bei Nichtkonsum, negative soziale Folgen durch den Konsum und/oder ein starkes Verlangen nach bzw. eine zunehmende gedankliche Einengung auf den Konsum. Die Entstehung der Abhängigkeit und deren Folgen lassen sich gut über psychologische und neurobiologische Modelle erklären. Ein zentraler Faktor besteht dabei in der Tatsache, dass der Konsum kurzfristig positive Wirkungen bei langfristig negativen Folgen hat. Die kurzfristigen Wirkungen sind meist die handlungsleitenden Faktoren, während die langfristigen, negativen Konsequenzen der Anlass sind, sich um Abstinenz Die Abstinenz ist der völlige Verzicht auf ein Suchtmittel (Alkohol).
In einer Therapie erlernt der Alkoholabhängige nicht, dass er nicht mehr trinken darf, sondern dass er nicht mehr trinken muss. zu bemühen. Die Schaffung und Bewusstmachung kurzfristig positiver Erfahrungen als Folge der Abstinenz und die stärkere Berücksichtigung der negativen Folgen des Konsums im eigenen Leben sind deshalb ein wichtiges Ziel der Therapie.
Aus sozialwissenschaftlicher Sicht ist die Bedeutung des „Lebensraums“ für die Entwicklung eines Drogenkonsums und der Drogenabhängigkeit von großer Bedeutung. Die Person mit ihren Ressourcen, ihr familiärer Hintergrund und die aktuellen Anforderungen müssen als bedeutsame Variablen für die Entwicklung von Abhängigkeit herangezogen werden. Dabei dient der Drogengebrauch v.a. auch der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben (wie Aufbau sozialer Beziehungen, Lösung von den Eltern, Finden einer beruflichen Identität). Dieser ist als identitätsstiftende Handlung zu verstehen und hat eine Vielzahl von hilfreichen sozialen Funktionen (Stimulation, Stimmungsaufhellung). Drogenabhängigkeit entsteht in Hoch-Risikogruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, in denen eine Rollenüberforderung und/ oder eine Rollendeprivation besteht bei gleichzeitiger Verfügbarkeit dieser Substanzen. Der Einfluss der Gruppe der Gleichaltrigen ist für die Entstehung dieses Drogenkonsumverhaltens von größter Bedeutung, v.a. auch dann, wenn eine starke Unvereinbarkeit zwischen den Werthorizonten der Peergruppe und des Elternhauses besteht. Geschlechtsrollen bzw. geschlechtsspezifische Rollenfunktionen können ebenso wie geschlechtsgebundene, traumatisierende Erfahrungen (wie z.B. sexueller Missbrauch in der Kindheit oder auch im Zusammenhang mit der Aufrechterhaltung des Drogenkonsums) bei der Genese einer Abhängigkeitsproblematik eine wichtige Rolle spielen. Daher sind diese Aspekte auch im Rahmen einer drogenspezifischen Behandlung zu thematisieren. Keine der legalen und illegalen Drogen wird von Frauen und Männern in gleicher Häufigkeit konsumiert. Der Anteil von Frauen, die von illegalen Drogen abhängig sind, wird auf etwa 30% der Gesamtgruppe geschätzt. Etwa jede dritte drogenabhängige Frau, die eine Entwöhnungsbehandlung nutzt, ist Mutter eines oder mehrerer Kinder
Die frühe lebensgeschichtliche Entwicklung, gekennzeichnet durch unvollständige Familiensysteme und häufigen Drogen- und Alkoholgebrauch enger Bezugspersonen, ist bei Mädchen und Jungen recht ähnlich. Kinder erleben viele Faktoren sozialer Benachteiligung im Zusammenhang mit äußeren Lebensumständen (Armut, schlechte Wohnverhältnisse, Instabilität der Familie) und den sozialen Interaktionen (Vernachlässigung, wenig oder einseitige Anregung, Überforderung des Kindes). Solche psychosozialen Risiken führen zu Beeinträchtigungen der mentalen und sozio-emotionalen Entwicklung von Kindern. Studien belegen auch das erhöhte Risiko von Kinder von Abhängigen, später selbst eine Suchtproblematik zu entwickeln. Es sind aber geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen. Jungen entwickeln in späteren Lebensalter besondere „Strategien“ der Verarbeitung ihrer unbefriedigten Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Akzeptanz dadurch, dass sie sehr häufig mit Gleichgesinnten „unterwegs“ sind und in der Öffentlichkeit sozial auffällig werden (z.B. frühe Straffälligkeit, keine berufliche Integration). Mädchen gehen häufiger und früher enge Partnerbeziehungen ein und viele verlassen die Herkunftsfamilie, um mit dem neuen Partner zusammen zu wohnen. Dies wird von Ihnen als die erste positive Lebensphase bewertet, was angesichts der schwierigen Lebensbedingungen in den Familien nachvollziehbar ist. Man kann den frühen Schritt zum familienunabhängigen Wohnen bei vielen Mädchen auch als Antwort auf sexuelle Gewalt, von der sie in den Familien betroffen sind, verstehen. Der Auszug erscheint als der einzige zur Verfügung stehende Weg, um einer unerträglichen Lebenssituation zu entkommen. Partnerbeziehungen behalten auch im weiteren Verlauf für Frauen eine hohe Bedeutung; die in der Kindheit nicht erfüllten emotionalen Bedürfnisse konzentrieren sich nun oft ausschließlich auf den Freund. Die Frauen entwickeln eine große Bezogenheit, in vielen Fällen auch eine emotionale Abhängigkeit vom Partner, der oftmals ebenfalls drogenabhängig ist.
Psychologische Modelle tragen wesentlich dazu bei, die Entwicklung und Aufrechterhaltung eines Suchtverhaltens zu erklären. Lange Zeit wurde das Vorhandensein einer spezifischen „Suchtpersönlichkeit“ angenommen. Vor allem Vertreter der tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Schulen beschreiben die Bedeutung von tiefgreifenden Entwicklungsstörungen für die Entwicklung der Sucht. Als persönlichkeitsbezogene Risikofaktoren werden immer wieder diskutiert: niedrige Leistungsmotivation, externale Erfolgserwartungen, geringes Selbstwertgefühl sowie negative Einschätzungen bezüglich des eigenen psychosozialen Befindens. Für die therapeutische Arbeit sind diese Überlegungen sehr gewinnbringend genutzt worden, auch wenn sie meist empirisch nicht belegt aber auch letztendlich nicht widerlegbar sind.
Für das Behandlungskonzept sind lerntheoretische, sozial-kognitive aber auch systemische Sichtweisen von zentraler Bedeutung. Mittels des Modelllernens ist der initiale Suchtmittelgebrauch verständlich. Drogenbezogene Einstellungen und Wirkungserwartungen werden über die Eltern, das tatsächliche Konsummuster in der Adoleszenz vor allem über die Peergruppe vermittelt. So tragen die soziale Verstärkung einerseits als auch die sekundäre Verstärkung sowie positive und negative Verstärkerwirkungen andererseits zur Entwicklung einer Suchtproblematik bei. Die positiven Verstärkerwirkungen (z.B. Erleben von besonderen Bewusstseinszuständen) stehen bei der Gewöhnung im Vordergrund, die Reduzierung von aversiven Zuständen (Linderung von Schmerzen, depressiven Verstimmungen) spielt eher bei fortgeschrittener Abhängigkeitsentwicklung eine Rolle. Die spezifischen Wirkungsmuster verschiedener psychotroper Substanzen können vom Konsumenten mehr oder weniger gezielt eingesetzt werden. Weiterhin sind die besonderen Wirkungserwartungen von Bedeutung, die sich verhaltenssteuernd auswirken.
Im Sinne der klassischen Konditionierung werden neutrale Reize zu Auslösern für suchtmittelbezogene Reaktionen, die als sekundäre Verstärker das Konsumverhalten steuern, so dass diese beispielsweise durch eine Toleranzentwicklung das Suchtverhalten aufrechterhalten können. Das Modell des operanten Konditionieren bzw. instrumentellen Lernens erklärt die Entwicklung und Aufrechterhaltung eines problematischen Suchtmittelkonsums gleichermaßen. Unmittelbar angenehm erlebte Drogenwirkungen wirken verhaltenssteuernd, mittel- bzw. langfristig erlebte negative Konsequenzen können im Sinne eines Rückkoppelungsmodells zu Auslösern für den erneuten Konsum von psychotropen Substanzen werden. Zwischenzeitlich gemäßigter Konsum führt nicht zur Löschung des Verhaltens sondern erhöht die Löschungsresistenz eher noch.
Die sozial-kognitive Lerntheorie berücksichtigt biologische, psychologische und soziale Faktoren bei der Suchtentwicklung und –aufrechterhaltung. Dabei sind die soziale Kompetenz sowie das Bewältigungsverhalten von großer Bedeutung für die Entwicklung eines problematischen Suchtmittelkonsums. Soziale Defizite und fehlende Coping-Strategien reduzieren die Handlungskontrolle und fördern Angst und Stress in sozialen Situationen. Durch den gezielten Einsatz von psychotropen Substanzen können positive Affekte gesteigert werden, der Suchtmittelkonsum wird zu einer eigenständigen Bewältigungs-Strategie. In diesem Zusammenhang kommt es zu einer zunehmenden Schwächung der Selbstwirksamkeitserwartungen, ohne die Einnahme einer psychotropen Substanzen gelingt die Bewältigung von Anforderungen zunehmend weniger. Bei Jugendlichen, die nur über unzureichende Stressbewältigungsfertigkeiten verfügen und suchtmittelbezogene Versuchungssituationen kaum bewältigen können, kann so aus einem Probierverhalten ein chronisches Fehlverhalten werden. Das Konzept der Selbstwirksamkeitsüberzeugung ist auch zentral für wichtige Modelle zum Rückfallgeschehen bei Suchtmittelabhängigen. Betroffene sollen im Rahmen der Rückfallprävention lernen, individuelle Hoch-Risikosituationen besser zu identifizieren und Selbstwirksamkeitserwartungen aufzubauen. Im Zusammenhang mit dem Rückfallgeschehen bei Suchtmittelabhängigen wird in jüngster Zeit auch die Bedeutung des Craving diskutiert. Dabei sind neurophysiologische, vor allem aber psychologische Aspekte zu berücksichtigen. Es handelt sich dabei um subjektiv erlebbarer Phänomene auf physiologischer, emotionaler und kognitiver Ebene, die den Suchtmittelgebrauch nach Abstinenz Die Abstinenz ist der völlige Verzicht auf ein Suchtmittel (Alkohol).
In einer Therapie erlernt der Alkoholabhängige nicht, dass er nicht mehr trinken darf, sondern dass er nicht mehr trinken muss. begünstigen können.
Auch die systemische Therapie verfügt über theoretisch-konzeptionelle Grundpositionen, die in der Behandlung von Drogenabhängigen genutzt werden können. Systemisch-lösungsorientierten Interventionen helfen bei der Neugestaltung von individuellen und partnerschaftlichen Lebensentwürfen sowie bei der Ressourcenaktivierung. Empirisch ist belegt, dass der Behandlungserfolg bei Abhängigen erhöht werden kann, wenn Angehörige explizit in den Therapieprozess einbezogen werden.
Zusammenfassend sind die verschiedenen Entstehungsmodelle insofern von Bedeutung, als für jeden Patienten individuelle Bedingungsfaktoren herausgearbeitet und daraus Schlussfolgerungen für die zukünftige suchtmittelbezogene Lebensführung abgeleitet werden können.
Facharzt für Innere Medizin, Psychotherapie, Suchtmedizinische Grundversorgung, Sport- und Notfallmedizin
Tel. +49 38872 91-0
Fax +49 38872 91-22
E-Mail mecklenburg@ahg.de
Adresse:
AHG Klinik Mecklenburg
Dorfstraße 3
19217 Vitense-Parber