Dissoziative Störungen mögen manchmal bizarr, rätselhaft und geheimnisvoll erscheinen, sie haben jedoch, wie jede andere Erkrankung auch, eine ganz „vernünftige“ Erklärung. Ihre Wurzeln liegen in Wahrnehmungsabspaltungen, zu denen alle Menschen mehr oder weniger fähig sind. Leseratten z. B. versenken sich ganz in die Welt ihres Buches. Sie sehen und hören dabei buchstäblich nicht mehr, was um sie herum vor sich geht. Alle Tätigkeiten, die ein hohes Ausmaß an Konzentration erfordern, gehen so letztendlich mit einer Ausklammerung störender Einflüsse, wie Lärm, Harndrang, Hunger oder Ärgergefühlen einher und sind keineswegs als Störungen, sondern als sinnvolle und gesunde Phänomene einzuordnen.
Die Überlebensreflexe Kämpfen, Flüchten oder Sich-Tot-Stellen gehen ebenfalls mit Abspaltungen von Wahrnehmungen einher. Wer um sein Leben rennt oder kämpft, spürt in der Regel weder Schmerzen noch nimmt er Dinge wahr, die seinem Vorhaben nicht dienen oder ihm sogar hinderlich sind.
Der Totstellreflex schließlich bewirkt ein vollkommenes Abspalten des inneren Erlebens von der äußeren Welt. Derzeit geht man davon aus, dass viele Elemente der dissoziativen Störungen auf immer wieder „anspringende“ Formen von veränderten Überlebensreflexen zurückzuführen sind. Dem entspricht, dass Menschen mit dissoziativen Symptomen nicht selten Erfahrungen in ihrer Vorgeschichte gemacht haben, welche mit ernstzunehmenden Gefährdungen und großen Ängsten einhergegangen sind.
