Indikationen ICD 10 Hinter der Abkürzung ICD 10 verbirgt sich die Internationale Klassifikation von Krankheiten und Gesundheitsstörungen ("International Classification of Diseases"), 10. Auflage. Die ICD 10 wird von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) herausgegeben. In der ICD 10 sind alle "offiziell anerkannten" Krankheiten erfasst, z.T. (etwa bei seelischen Erkrankungen) konkret beschrieben. Dieses Klassifizierungsystem erlaubt eine statistische Erfassung aller Krankheiten z.B. für Gesundheitsberichte, auch die Abrechnung medizinischer Leistungen erfolgt in Deutschland mit Hilfe der ICD 10 . In der wissenschaftlichen Literatur über psychische Erkrankungen findet man manchmal auch den Begriff DSM IV, hierbei handelt es sich um das amerikanische „Gegenstück“ zur Erfassung und Beschreibung psychischer Erkrankungen ("Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders"), hier ist die 4. Auflage aktuell.
- Aufmerksamkeitsdefizitstörung mit und ohne Hyperaktivität und hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens F 90
- Störungen des Sozialverhaltens F 91, F 92
- Emotionale Störung des Kinder- und Jugendalters F 93
Kontraindikationen
- Kinder und Jugendliche mit extrem dissozialen Verhaltensstörungen
- Kinder und Jugendliche, bei denen akute Suizidgefahr besteht
- Drogen- und Alkoholkonsum
- Gruppenunfähigkeit
- Weglaufen
Definition
Hyperkinetische Störungen sind durch ein durchgehendes Muster von Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität gekennzeichnet, das in einem für den Entwicklungsstand des Betroffenen abnormen Ausmaß situationsübergreifend auftritt. Die Störung beginnt vor dem Alter von 6 Jahren und sollte in mindestens zwei Lebensbereichen konstant auftreten (z. B. in der Schule und in der Familie).
Leitsymptome sind Unaufmerksamkeit (Aufmerksamkeitsstörung, Ablenkbarkeit), Überaktivität (Hyperaktivität, motorische Unruhe) und Impulsivität.
Die Häufigkeit der Störung liegt bei 5-10 % im Kindes- und Jugendalter mit einer Geschlechtsverteilung Jungen/Mädchen wie 7:3.
I. Gesamtstationäre Behandlung
Wir bieten unseren Patienten eine gesamtstationäre Betreuung. Dabei verfolgen wir einen multimodalen Behandlungsansatz: jede Berufsgruppe fokussiert mit seinem spezifischen Behandlungsangebot auf einzelne Störungsaspekte. Unsere therapeutischen Kernziele sind: Verbesserung der sozialen Integration, Förderung der sozialen Kompetenzen, emotionale Stabilisierung, d.h. Förderung von positivem Selbstwertgefühl und positivem Selbstbild und die Verbesserung der Eltern-Kind-Interaktion. Einen Leistungsschwerpunkt sehen wir in der Diagnostik: unser Ziel ist
das Sichern der Diagnose, die differenzialdiagnostische Abgrenzung, das Erfassen der qualitativen und quantitativen Ausprägung der individuellen Symptomatik und das Einschätzen der individuellen Ressourcen und Belastungsfaktoren im Leben des Patienten.
Pädagogische Betreuung
Es besteht eine Vollzeitbetreuung durch feste Bezugspersonen in etwa altersgleichen Gruppen. Das pädagogisch-therapeutische Beziehungsangebot unterstützt eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt und lässt Raum für selbstbestimmtes Lernen in der Gleichaltrigengruppe. Dies ermöglicht dem jungen Patienten wichtige Veränderungsprozesse bezüglich der Symptomatik und
seiner allgemeinen psychosozialen Entwicklung. Daher sehen wir die pädagogische Arbeit im stationären Alltag als einen therapeutischen Schwerpunkt unserer Behandlung.
Die Erzieher helfen den Patienten bei der sozialen Integration in die Gleichaltrigengruppe und fördern die sozialen Kompetenzen und vermitteln Konfliktbewältigungsstrategien. Weiterhin erhält der Patient Unterstützung beim Erlernen von Alltagsbewältigung und Tagesstrukturierung (Planung, Organisation und Zeitmanagement). Ausdauer und Konzentration werden in strukturierten Spielangeboten ohne Leistungsdruck im spielerischen Rahmen aufgebaut und gefördert. Das wöchentliche Gruppengespräch mit Erzieher und Psychologen dient der Klärung von konflikthafter Gruppendynamik (z.B. Sündenbockentwicklung), der Vermittlung von sozialem Regelwissen.
Psychologisch-psychotherapeutische Betreuung
Aufbauend auf der pädagogisch-therapeutischen Betreuung im stationären Setting nehmen die jungen Patienten an indikationsspezifisch angelegter Gruppenpsychotherapie teil. Wir bieten hier die verhaltenstherapeutisch orientierte Gruppentherapie mit Schwerpunkt aggressive, oppositionelle, verweigernde Kinder an. Der Behandlungsfokus liegt dabei auf Konfliktklärung und Vermittlung von Konfliktlösungsstrategien auf der Basis realer Konfliktsituationen aus dem stationären Alltag. Weiter gibt es die Gruppentherapie für schüchterne, sozial zurückgezogene und durchsetzungsschwache Kinder mit dem Behandlungsfokus auf Förderung des Selbstbewusstseins und einer sozial angemessenen Selbstbehauptung. In der ADS-Gruppe liegt der Behandlungsfokus auf Entlastung von Leidensdruck und Förderung von Problemverständnis.
Ein weiterer therapeutischer Schwerpunkt ist die Einzelpsychotherapie. Hier werden begleitende Störungsanteile bearbeitet (depressive Verstimmungen, psychovegetative Störungen, usw.), oder Probleme individuell bearbeitet, die in der Gruppenpsychotherapie keinen angemessenen Platz gefunden haben.
Diagnostisch erfolgt Verlaufsdiagnostik mit Exploration, systematischer Verhaltensbeobachtung und Fähigkeits- und Persönlichkeitstest.
Mit unserer Elternberatung bieten wir den Bezugspersonen unserer kleinen Patienten in Einzel- oder Familiengesprächen die Gelegenheit, sich über das Störungsbild, den Therapieverlauf und die Möglichkeiten einer Nachbehandlung zu informieren. Außerdem führen wir monatlich ein Elterseminar mit dem Ziel durch, das Problemverständnis der Eltern zu verbessern und die elterlichen Kompetenzen für den Umgang mit ihrem Kind zu stärken.
Ärztliche Betreuung
Entwicklungsdiagnostik, Ausschluss neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen bzw. Erkennen von bestehenden Co-Morbiditäten (wie Ticks, Symptomatik Störung des Sozialverhaltens oder kombinierte Störungen motorischer Fähigkeiten). Optimierung der Pharmakotherapie (Reduktions/Auslassversuch von Methylphenidat bzw. Einstellung auf Methylphenidat, Strattera bzw. weitere notwendige Medikamente). Systematische Beobachtung des Kindes unter den Augen des interdisziplinären Teams. Durchführung von entsprechenden Elterngesprächen bezüglich der spezifischen medizinischen Diagnostik sowie Komplettierung der vorhandenen Diagnostik, wie z.B. EEG-Kontrolle, notwendige Blutentnahmen bei Dauermedikation. Bei Verdachtsmomenten Drogenscreening.
Ergänzung des multimodalen Konzeptes
Physikalische Therapie
Körperbetonte Anwendungen wie Bäder, Fango, Sauna, Bewegungsbad sollen die Körperwahrnehmung verbessern und Entspannung und körperbetontes Wohlbefinden fördern.
Sporttherapie
Hier liegt der Schwerpunkt auf dem spannungsabführenden Bewegungsangebot, der Übung von Kraftdosierung und Regulierung der Impulssteuerung sowie der sozialen Gruppeninteraktion und Erlernen sozialen Regelverhaltens und Finden der adäquaten Sportart für den häuslichen Freizeitbereich.
Psychomotorik, Ergotherapie, Heilpädagogik
Ziel dieser Behandlung ist die Verbesserung von Defiziten in den Bereichen der Wahrnehmung, Motorik, Koordination und Sprache sowie die Förderung sozialer Kompetenzen.
In der Ergotherapie werden verschiedene Therapiebereiche entsprechend den Defiziten angeboten.
Auditivgruppe: Verbesserung der Diskrimination der serialen Verknüpfung, d.h. Reihenfolge, Handlungs-/Planungsabläufe sowie Verbesserung des Transfers von Aufgaben, Verbesserung des auditiven Gedächtnisses.
Graphomotorik: Finden der richtigen Stifthaltung und Sitzhaltung, Verbesserung der Schreibtechnik und Transfer des Gelernten in die Schule.
Taktil: Kinästhetische Wahrnehmung sowie Verbesserung der Körperwahrnehmung, d.h. die Kinder müssen lernen, sich spüren, fühlen, sich und andere wahrnehmen.
Visomotorik: Verbesserung von Hand-Auge-Koordination, Planung von Handlungsabläufen wie Nachbau, Nachempfindung von Aufgaben. Verbesserung des Aufgabenverständnisses sowie auch des Transfers von Gehörtem und Gesehenem in Hand-Auge-Bewegungen und Abläufen.
Psychomotorik: Verbesserung von Körpergeschicklichkeit, Mut und Selbstvertrauen.
ADS-Gruppen: Multimodale sensorische Angebote. Lernen mit allen Sinnen. Erlernen von sozialem Regelverhalten und Verbesserung der Körperkoordination. Informationen und Selbsthilfekompetenzen zum „ADS-Leben“. Außerdem häufig nötig wegen der Tonusregulationsstörung Ausgleich der Beinlängendifferenz.
Heilpädagogik: Beim sozialen Kompetenztraining bzw. Selbsthilfetraining wurde spielerisch die Sprachentwicklung, die Aufmerksamkeit, Konzentration und Ausdauer gefördert. Entwicklungsdefizite werden hier gezielt angegangen und lebenspraktische Fertigkeiten gefestigt.
Neuropädagogik
Lerntherapie ist eine professionelle pädagogisch-psychologische Dienstleistung bei einer Lernstörung. Sie befasst sich mit dem gestörten Lernprozess unter Berücksichtigung des Lerninhalts und der Auswirkung der jeweils beteiligten Personen.
Lerntherapie wird angewendet zur Verbesserung von Lerntechniken mit den verschiedensten Trainingsformen zur Förderung der Lernvoraussetzungen (z.B. Wahrnehmung, Feinmotorik, Konzentration) und zur Kompensation von Defiziten (z.B. LRS, Dyskalkulie).
Integrative Lerntherapie soll zur Wiederherstellung einer positiven Lernstruktur beitragen. Lernstrategien vermitteln, Erfolgserlebnisse schaffen, Förderung von Aufmerksamkeit, Konzentration und Motivation zum selbst gesteuerten Lernen sind Hauptbestandteile der jeweiligen Therapien. Lerntherapie ist als Hilfe zur Selbsthilfe zu verstehen.
Schule
In Lerngruppen erfolgt durch die Kliniklehrer ein wissenserhaltender Stützunterricht, in dem Lernziele der Schule des Heimatortes berücksichtigt werden. Neben dem Erhalt der schulischen Fertigkeiten bieten die kleinen Gruppen, der individuelle Zugang zum Lehrer und die herabgesetzten Leistungsanforderungen therapeutische Möglichkeiten: das Kind kann hier schulische Erfolgserlebnisse erfahren und Lernhemmungen, Leistungsängste und Misserfolgserwartungen abbauen und darüber wieder einen positiven Zugang zu schulischen Anforderungen finden.
II. Verlaufsdiagnostik
Über den Reha-Verlauf sammeln alle Teammitglieder diagnostisch relevante Informationen. Diese werden in den wöchentlichen Teamsitzungen schrittweise zur Optimierung des Behandlungsplanes verwendet. Der Datensammlungs- und Verarbeitungsprozess ist folgendermaßen strukturiert:
Vorlauf
Die Datenerhebung erfolgt durch den allgemeinen und symptomspezifischen Fragebogen, das anamnestische Aufnahmegespräch, die vorhandenen Vorbefunde mit den letzten beiden Schulzeugnissen sowie die Informationen vom Vorbehandler.
1.– 2. Woche: Beobachtungsphase mit Standardbehandlungsprogramm
Es erfolgt eine systematische Verhaltensbeobachtung mit Connersbögen in allen wichtigen Behandlungsbereichen der Klinik (Schulunterricht, Freizeitbereich, usw.) sowie umfassende ärztliche Diagnostik und das psychologisch geführte Anreisergruppengespräch. Die in diesem Zeitraum erhobenen Befunde werden diagnostisch verarbeitet und leiten die nächste Behandlungsphase ein.
2. - 5. Woche : Individualisierte Intensivphase
Die diagnostischen Informationen aus der Beobachtungsphase werden mit dem Ziel reflektiert, den Behandlungsplan und die Therapieziele des Patienten zu spezifizieren und zu individualisieren. Dem gemäß wird die Behandlung jetzt ggf. durch weitere Therapieelemente ergänzt oder die Therapieziele werden korrigiert, alle therapeutischen Maßnahmen entsprechend koordiniert. Es erfolgt in diesem Zeitraum auch die Einstellung/Umstellung/Auslassversuch von Methylphenidat. Falls nötig, werden erneut intermittierende Verhaltensbeobachtungen sowie ein exploratives Gespräch beim Psychologen, ggf. auch Intelligenztest, Arbeitsproben oder andere spezifische Diagnostik durchgeführt.
5. – 6. Woche: Abschlussphase
Die stationäre Behandlung wird in allen Behandlungselementen schrittweise abgeschlossen. Der Behandlungsverlauf und die Therapieergebnisse werden dargestellt und Empfehlungen für zu Hause vermittelt, in diesem Zeitraum findet auch das Elternseminar statt.
Es wird mit den Eltern die adäquate Beschulung besprochen, entsprechende Hinweise für die Schulen mitgegeben. Empfehlungen z.B. zu Lerntherapien nach § 35 a KJHG, evtl. Vermittlung an entsprechende Therapeuten im Heimatbereich. Mit den einweisenden Ärzten wird eine evtl. Änderung der Medikation sowie Einsatz der Medikation vorab telefonisch besprochen, um eine lückenlose Weiterbehandlung zu ermöglichen.
Ein ADHS-Rezeptbuch (Tips und Tricks zum Umgang mit Kindern mit ADHS ) und Information zur Thematik wird den Kindeseltern zum besseren Handling ihrer Kinder mitgegeben.
Für die Begleitmütter besteht während des Aufenthaltes die Möglichkeit, ein spezifisches Elterntraining im Sinne von Erziehungsberatung zu erhalten.
Es besteht eine Mitarbeit im Bereich des entstehenden Netzwerkes ADHS Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom in Berlin/Brandenburg sowie bundesweit.