Psychosomatische Fachklinik Bad Dürkheim  
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E Coaching

E Coach
E-Coach

Wirksamkeit von Handheld gestütztem Selbstmanagement in der Rehabilitations-Nachsorge

Hintergrund

Ein zentrales Problem der Behandlung psychosomatischer Störungen ist die Nachhaltigkeit von Therapieerfolgen. Die am Rehabilitationsprozess Beteiligten kennen seit langem dieses „Schnittstellenproblem“ beim Übergang von Rehabilitationsklinik in den Alltag zu Hause. Es wurden Modelle der ambulanten Reha-Nachsorge mit gruppen- und einzeltherapeutischen Maßnahmen entwickelt, deren Effektivität gut belegt ist (Bischoff et al., 2005). Reha-Nachsorge (IRENA, MERENA) ist fester Bestandteil des Regelangebots der Rentenversicherer geworden. In den letzten Jahren werden in der Reha-Nachsorge auch verstärkt Neue Medien eingesetzt. Gute Erfolge werden für Gruppentherapieangebote in Chatrooms und für SMS-basierte poststationäre Betreuungsmodelle zur Verhaltensregulation bei Patientinnen mit Bulimia nervosa, Borderline-Störung und posttraumatischer Belastungsstörung berichtet (einen Überblick geben Bauer & Kordy, 2009). Relativ neu ist der Einsatz von Handheld-Computern mit therapeutischer Zielsetzung (weit entwickelt dagegen als Assessment-Instrument). In den vorliegenden Versuchen bestehen die Interventionen in der Regel darin, dass der Patient vorgegebene therapeutische Anleitungen (Entspannung, Bewältigungsinstruktionen etc.) vom Handheld abrufen kann. Bisher wurden in der Rehabilitation und der Reha-Nachsorge Handhelds mit therapeutischer Zielsetzung nicht verwendet.

 

Intervention

E-Coaching ist eine neue verhaltenstherapeutische Interventionsform zur Selbstregulation des Verhaltens mit Hilfe von Handhelds. Der Patient wird mehrmals am Tag programmgesteuert aufgefordert, seine Aufmerksamkeit auf sein derzeitiges Verhalten und Erleben zu richten, es daraufhin zu überprüfen, ob es die Entstehung körperlicher oder seelischer Symptome begünstigt, es gegebenenfalls im Sinne der in der Behandlung erarbeiteten Strategien zu korrigieren und nach einer von ihm festgelegten Zeitspanne zu überprüfen, ob diese Korrekturen erfolgreich waren. Die Software zum E-Coaching wurde von Karsten Sauerwein, AVG (EDV-Abteilung der AHG Düsseldorf) entwickelt. Die Abbildung zeigt den Screenshot einer Frage innerhalb einer Abfrage. Spezifikationen der Durchführung — Häufigkeit und Zeitrahmen der Abfragen, Zeiten ohne Abfragen etc. — können individuell, den täglichen Anforderungen entsprechend, angepasst werden. E-Coaching ist also keine Intervention, die sich unmittelbar auf die Bewältigung von psychischen Störungen richtet. Sie zielt auf Problemverhalten. Sie soll helfen, problematische durch günstigere Verhaltensgewohnheiten zu ersetzen und dadurch indirekt die Auftretenswahrscheinlichkeit von psychischen/psychophysiologischen Störungen zu reduzieren. Mit E-Coaching können im Prinzip ganz unterschiedliche, dysfunktionale Verhaltensstile bearbeitet werden.

 

Evaluationsprojekt

Wir haben die Arbeit an einem Forschungsprojekt aufgenommen, das sich auf den Verhaltensstil der Verausgabungsbereitschaft konzentriert, deren Wirkung als Risikofaktor für „Stresserkrankungen“ vielfach empirisch belegt ist. Die Neigung zur übermäßigen Verausgabung wird vor allem im beruflichen Bereich verhaltenswirksam und ist insofern eine höchst bedeutsame Größe in der medizinisch-beruflichen Rehabilitation. Das Projekt hat zum Ziel, die Wirksamkeit von Handheld-gestütztem Selbstmanagement (E-Coaching) in der Rehabilitationsnachsorge zu evaluieren. Mit Unterstützung von E-Coaching soll es Patienten nach Entlassung aus unserer Rehabilitationsklinik erleichtert werden, neu erworbene Verhaltensweisen im Alltag zu Hause einzuüben und dadurch den Reha-Erfolg zu sichern. E-Coaching als Interventionsmethode basiert vor allem auf Erkenntnissen der psychologischen Theorien zu Selbstregulation und Selbstmanagement und zielt auf den Abbau von Problemverhalten. Die primäre Zielgröße, die berufliche Verausgabungsbereitschaft, wird mit der gleichnamigen Variablen des AVEM (Schaarschmidt und Fischer, 2006) operationalisiert.

Die zentrale Hypothese lautet: Erwerbstätige, bei Entlassung arbeitsfähige Patienten, die zu Beginn einer psychosomatischen Rehabilitationsmaßnahme eine Neigung zur übermäßigen Verausgabung im beruflichen Bereich haben, erzielen durch ein insgesamt 14-tägiges E-Coaching im ersten halben Jahr der poststationären Phase (Experimentalbedingung) nach der Intervention und katamnestisch niedrigere Verausgabungsbereitsschaftswerte als Patienten, die für denselben Zeitraum der poststationären Phase nur den Vorsatz haben, ihre Verausgabungsbereitschaft einzudämmen (Kontrollbedingung).

Explorative Hypothesen sind:

1. Aufgrund der geringeren Verausgabungsbereitschaft werden sie hinsichtlich des allgemeinen und des störungsspezifischen Beschwerdedrucks, der Lebensqualität und der Krankheitskosten nach der Intervention und katamnestisch günstigere Werte erreichen als Patienten der Kontrollbedingung.

2. Der Hauptwirkfaktor von E-Coaching besteht darin, dass es dem Patienten die Verankerung von Selbstmanagementkompetenzen (Selbstberuhigung, Selbstgespür, Selbstfürsorge) im Alltag erleichtert und dadurch seine Selbstwirksamkeitserwartung steigert.

Die Evaluation wird als randomisierte Kontrollgruppenstudie mit einer Experimentalgruppe („E-Coaching“) und einer Vergleichsgruppe („Vorsatz-Therapie“ als Plazebo-Kontrollbedingung) realisiert (N = 190). Die Datenbasis liefern Erhebungen an drei Messzeitpunkten (Prä, Post, 6-Monats-Katamnese) mit standardisierten psychometrischen Verfahren.

 

Aktueller Stand

Die Hypothesen lassen sich erst nach Abschluss der Patientenrekrutierung Ende 2010 überprüfen. Eine Voraussetzung für ihre Richtigkeit ist allerdings in jedem Fall, dass die Patienten E-Coaching als therapeutische Methode akzeptieren. Zu diesem Thema können bereits jetzt einige Aussagen gemacht werden.

Im Rahmen der stationären Behandlung nehmen die Patienten an einer Kleingruppenveranstaltung zum Thema Selbstüberforderung und Selbstfürsorge teil, in der E-Coaching als Unterstützung bei der Umsetzung selbstfürsorglichen Verhaltens vorgestellt wird und die Patienten Gelegenheit erhalten, E-Coaching zwei Tage im Klinikalltag zu nutzen.

An der seit 6/08 regelmäßig durchgeführten Veranstaltung (Psychoedukation und praktische Nutzung) nahmen bis Ende 2009 über 250 Patienten teil. Die Tabelle xxx zeigt ausgewählte Ergebnisse.

 

Zustimmung

(%)

Nach der psychoedukativen Gruppeneinheit (vor der praktischen Nutzung)

 

Die Themen, die wir in der Veranstaltung bearbeitet haben, waren für mich persönlich bedeutsam.

87,5

Wie positiv ist Ihr Gesamteindruck von der Veranstaltung?

98,8

 

 

Nach der praktischen Nutzung:

 

Ich wurde durch die Kurzbehandlung angemessen auf das E-Coaching vorbereitet.

97,6

Die Bedienung des Taschencomputers war nicht schwierig

96,7

E-Coaching könnte für mich persönlich hilfreich sein.

71,5

Ich würde E-Coaching in Zukunft gerne wieder nutzen.

69,5

E-Coaching könnte mich bei der Bewältigung meines Alltags unterstützen.

67,8

Tabelle xxx: Ausgewählte Ergebnisse zur Akzeptanz von E-Coaching nach der zweitägigen Einführungsveranstaltung „Selbstfürsorglich im Alltag“

Die Ergebnisse belegen: E-Coaching findet als therapeutische Methode nach dieser Einführungsveranstaltung hohe Akzeptanz. Die Psychoedukation hinterlässt insgesamt einen exzellenten Eindruck, die Themen werden als persönlich relevant erlebt. Nach der zweitägigen Praxiserprobung bestätigen die Patienten, auf die Nutzung tatsächlich bestens vorbereitet worden zu sein. Sie hatten keine Schwierigkeiten mit der Bedienung des E-Coachs. Auch die für die weitere Nutzung im ambulanten Alltage kritischen Items werden von ca. 70% zustimmend beantwortet: E-Coaching könnte hilfreich sein, man würde es gerne wieder nutzen, es könnte bei der Bewältigung des Alltags unterstützend sein. Die Akzeptanz erweist sich dabei hinsichtlich aller Aspekte als unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildung. Diese Ergebnisse sind ermutigend, aber vorläufig. Was letztlich zählen wird, ist die Akzeptanz von E-Coaching nach den insgesamt vierzehn Tagen Nutzung zu Hause. Diese Auswertungen stehen noch aus.

Das Forschungsprojekt wird als Teilprojekt der Förderschwerpunkts „Patientenorientierung“ vom BMBF und DRV für drei Jahre (bis Ende Januar 2011) geführt (FKZ: O1 GX0725). Projektleiter ist Prof. Dr. Claus Bischoff. Wissenschaftliche Mitarbeiter waren im Jahre 2009: Dipl. Psych. Melanie Adam, Dipl. Psych. Corinna Dreher, Dipl. Psych. Stefan Schmädeke. Des Weiteren wirkten mit: Martina Prajitno und cand. psych. Daniel Bencetic.

 

Literatur

• Bauer, S. & Kordy, H. (2009). E-Mental-Health: Neue Medien in der psychosozialen Versorgung. Heidelberg: Springer.

• Bischoff, C., Gönner, S., Husen, E., Ehrhardt, M.& Limbacher, K. (2005). Ambulante vor- und nachbereitende Maßnahmen zur Optimierung der stationären psychosomatischen Rehabilitation – Ergebnisse des Bad Dürkheimer Prä-Post-Projekts. Verhaltenstherapie, 15, 78 — 87.

• Schaarschmidt, U. & Fischer, A.W. (2006). AVEM – Arbeitsbezogenes Erlebens- und Verhaltensmuster. 3., erw. und überarb. Auflage. Frankfurt am Main: Swets & Zeitlinger.



Weitere Informationen

Chefarzt

Chefarzt Dr. Limbacher

Dr. med. Klaus Limbacher

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Rehabilitationswesen

Spezialisierung:

Depressionen, sexuelle Störungen und Persönlichkeitsstörungen

Kontakt:

Tel. +49 6322 934-0 (Festnetz)
E-Mail duerkheim@ahg.de


Adresse:
AHG Klinik für Psychosomatik Bad Dürkheim
Kurbrunnenstraße 12
67098 Bad Dürkheim