Das Behandlungskonzept der Klinik basiert auf den wissenschaftlich fundierten, empirisch überprüften Verfahren der Verhaltenstherapie, wie sie mit breiter Indikation in der Psychosomatik, der klinischen Psychologie, der Psychiatrie und der Allgemeinmedizin eingesetzt werden. Für die Konzeption, medizinische und lerntheoretisch begründete psychologische Erkenntnisse plausibel miteinander zu verknüpfen, hat sich der Begriff "Verhaltensmedizin" etabliert. Darunter versteht man die Zusammenführung der Verhaltenstherapie als auf der Basis der wissenschaftlichen Lernpsychologie entstandenes und durch Ergebnisse der psychologischen Grundlagenforschung, der Sozialpsychologie, der kognitiven Psychologie und der Psychophysiologie ergänztes Behandlungsverfahren mit dem gesicherten Wissen der somatischen Medizin. Dies gilt ebenso für diagnostische wie für therapeutische Prozesse. Aus der Prämisse, dass viele Gesundheitsstörungen/Krankheitsbilder durch ein interdependentes Zusammenwirken von somatischen, psychischen und sozialen Gegebenheiten ausgelöst und aufrechterhalten werden, leitet sich die Multimodalität adäquater therapeutischer Ansätze ab. Die klassische Alternative "psychogener" versus "somatogener" Erkrankungen wird relativiert; an die Stelle eines monokausalen und damit reduktionistischen Erklärungsmodells tritt ein Interaktionsmodell aller relevanten Einflussgrößen. Vor dem Hintergrund eines solchen ganzheitlichen, bio-psycho-sozialen Krankheitsverständnisses lässt sich, sowohl aus Sicht der Patienten wie der Therapeuten, das Dilemma überwinden, Diskrepanzen zwischen Befund und Befindlichkeit "beweisen" bzw. "erklären" zu müssen. Es entsteht ein Therapieansatz, der im Hinblick auf bestimmte Verhaltensmuster von Patienten mit funktionellen oder psychosomatischen Beschwerden alternative Lösungen aus der Krise oder Krankheit aufzeigt.
Nach einer angemessenen organmedizinischen Diagnostik führt der Bezugstherapeut mit dem Patienten eine verhaltensanalytisch orientierte Exploration der Symptomatik, ihrer vorausgehenden Bedingungen und ihrer Konsequenzen durch. Auf dieser Basis wird gemeinsam ein plausibles übergeordnetes Störungsmodell entwickelt, aus dem Veränderungsziele und Therapiestrategien abzuleiten sind, mit denen ein der Krankheit vermeintlich hilflos ausgelieferter Patient schrittweise zu einem alternativen eigenverantwortlichen Handeln im Interesse der Symptomreduktion, der Verbesserung des Leistungsvermögens oder des Aufbaus von gesundheitsbewusstem Verhalten gelangen kann. Patienten mit neurotischen oder psychosomatischen Beschwerden vermeiden oftmals bestimmte psychosoziale Anforderungen bzw. Belastungssituationen. In der Therapie geht es darum, die spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen zu fördern, die für die adäquate Bewältigung solcher Anforderungen im Hier und Jetzt notwendig sind. Die therapeutischen Vorgehensweisen werden dementsprechend möglichst offen und transparent gestaltet, um den Patienten für eine aktive und verantwortliche Mitarbeit zu motivieren. In einem wertschätzenden Rahmen soll es zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit kommen, wobei zu Beginn der Behandlung die Auseinandersetzung mit dem Krankheitsmodell des Patienten und seinen Therapieerwartungen im Vordergrund steht. Dies gilt insbesondere für überwiegend fremdmotivierte Rehabilitanden und solche mit chronifizierten, demoralisierenden Erkrankungen, deren passive, ambivalente, ängstliche oder depressive Einstellungs- und Verhaltensmuster der Entwicklung und Erfahrung eigener Fähigkeiten oft im Wege stehen. Da sich viele solcher Fertigkeiten bzw. deren geringe Ausprägung auf interaktionelles Verhalten und die Partizipation am beruflichen und gesellschaftlichen Leben beziehen, ist die Kombination aus Einzel- und Gruppentherapie ein geeigneter Behandlungsansatz. Innerhalb des relativ beschützenden Milieus der Klinik sich abzeichnende therapeutische Fortschritte werden dann durch sukzessive Einbeziehung der sozialen Wirklichkeit des Patienten stabilisiert und generalisiert, z.B. im Rahmen von berufsbezogenen Belastungserprobungen in der Klinik oder an über 40 externen Einsatzmöglichkeiten, ggf. auch durch probeweise Rückkehr an den eigenen Arbeitsplatz. Bei Beziehungsproblemen finden auch Verhaltenserprobungen im häuslichen Milieu statt, oder es werden Angehörige zu gemeinsamen Gesprächen während der stationären Maßnahme hinzugezogen.
Manifeste chronifizierte Neurosen und Psychosomatosen führen sowohl zu anhaltendem subjektiven Leid als auch zu erheblichem volkswirtschaftlichem Schaden. Noch immer sind unsere Patienten zum Zeitpunkt der Klinikaufnahme bereits seit durchschnittlich sieben Jahren erkrankt und ein wachsender Anteil der Erwerbstätigen war vor der stationären Maßnahme schon längerfristig arbeitsunfähig (im Durchschnitt ca. 45 Wochen!). Viele unserer Patienten leiden unter beruflicher Überforderung bzw. den Folgen von Arbeitsplatzkonflikten, circa 20 % der stationär Aufgenommenen sind arbeitslos. Der Erhalt bzw. die Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit des Patienten und die Unterstützung seiner beruflichen Reintegration ist deshalb ein zentrales Anliegen der meisten Heilverfahren. Wir bieten den Patienten neben der individualisierten, multimodalen Psychotherapie, die gleichermaßen störungsspezifisch und ressourcenorientiert ist, auch ein breites Spektrum soziotherapeutischer Maßnahmen an, die der Erprobung neuer Bewältigungsfertigkeiten und der Ermittlung einer realistischen sozialmedizinischen Einschätzung dienen. Die Auswahl der Interventionen erfolgt nach einem individuellen und mehrdimensionalen Rehabilitationsplan mit übergeordneten und störungsspezifischen Veränderungszielen. Ziel jeder Behandlung ist die erfolgreiche medizinische, psychosoziale und berufliche Rehabilitation unserer Patienten.
Unser Therapiekonzept beruht auf dem Bezugstherapeutensystem, das heißt dass die therapeutischen Leistungen einschließlich der notwendigen medizinischen Versorgung gemeinsam zwischen dem Patienten und dem zuständigen psychologischen oder ärztlichen "Bezugstherapeuten" so erarbeitet werden, dass der Patient sie nicht als "Verordnungen" versteht, sondern als sinnvolle und adäquate Antwort auf die Fragen bzw. die Problemdefinitionen erkennen kann, die sich im diagnostisch-therapeutischen Prozess ergeben. Die Aufgabe des Bezugstherapeuten ist es, sowohl mit dem Patienten realistische Therapieziele auszuarbeiten wie ihn auch fördernd und beratend bei der Umsetzung gemeinsam entwickelter Strategien zu begleiten. Die gruppentherapeutischen Angebote und Methoden der Funktionsbereiche müssen plausibel aufeinander bezogen und transparent gestaltet sein, um die Patienten für eine aktive und verantwortliche Mitarbeit zu motivieren und eine vertrauensvolle Kooperation zu ermöglichen.
Die medizinische Basisversorgung der Patienten wird entweder vom ärztlichen Bezugstherapeuten selbst gewährleistet oder vom psychologischen Bezugstherapeuten beim zuständigen Teamarzt abgerufen. Aus konzeptionellen Gründen wurden die medizinischen Aktivitäten im wesentlichen in der "Medizinischen Zentrale" gebündelt und der übrige Klinikbereich von den Merkmalen medizinischer Versorgung (uniforme Bekleidung von Pflegepersonal und Ärzten, Stationszimmer, dezentrale Versorgung mit medizinischen Leistungen und Medikamenten etc.) freigehalten. Diese Medizinische Zentrale liegt abseits von den Kommunikationsbrennpunkten der Klinik. Damit soll erreicht werden, dass die psychisch und funktionell gestörten Patienten mit einem primär organischen Krankheitsmodell und einer eher passiven Erwartungshaltung nicht ständigen Hinweisreizen und Möglichkeiten für die Inanspruchnahme medizinischer und medikamentöser Hilfen ausgesetzt sind. Außerdem kann die durch die zunächst als Unbequemlichkeit bewertete Notwendigkeit, zum Erhalt von Medikamenten oder medizinischen Versorgungsleistungen jeweils die Medizinische Zentrale bzw. die Medikamentenausgabe dort aufsuchen zu müssen, einerseits die Compliance für unverzichtbare Medikamente und Maßnahmen fördern, andererseits kann eine problematische Gewohnheitsbildung in der Verwendung von letztlich nicht dringend indizierten Bedarfsmedikamenten deutlich und thematisierbar werden. Fallbezogen erforderliche fachärztliche Kompetenz, welche nicht a priori durch den ärztlichen Supervisor des jeweiligen Behandlungsteams zur Verfügung steht, wird entweder durch klinikinterne Konsiliartätigkeit (durch die anderen ärztlichen Supervisoren oder andere fachärztlich qualifizierte Mitarbeiter des Hauses) oder durch externe Konsiliaruntersuchungen realisiert.
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Rehabilitationswesen
Depressionen, sexuelle Störungen und Persönlichkeitsstörungen
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