Das Ziel einer individuellen Behandlung wird angestrebt auf der Basis einerseits einer vertrauenschaffenden therapeutischen Beziehung zwischen Patient und Bezugstherapeut und andererseits einer vertrauensvollen Delegation von bestimmten therapeutischen Aufgaben an andere kompetente Therapeuten, die z.B. teamübergreifend ein bestimmtes, für Patienten verschiedener Bezugstherapeuten relevantes Therapieangebot machen. Die Zuordnung von Patienten zu Bezugstherapeuten erfolgt auf der Basis der Einweisungs- und Anmeldungsunterlagen und gegebenenfalls des Vorgesprächsberichts. Entscheidungskriterien für eine Zuordnung sind
- die freiwerdenden Behandlungsplätze des Therapeuten,
- besondere Erfahrungen eines Therapeuten mit bestimmten Störungsbildern/Problembereichen.
Während des gesamten Aufenthaltes führt der Bezugstherapeut Einzelgespräche mit seinen Patienten. Häufigkeit und Dauer der Einzelgespräche werden in Abhängigkeit von den individuellen Erfordernissen gestaltet. Als grobe Regel kann gelten, dass in den ersten drei Wochen einer Behandlung pro Woche zwei Einzelgespräche erfolgen. Im weiteren Verlauf der Therapie treten die Einzelgespräche zugunsten von Gruppentherapien, Verhaltensübungen und klinikexternen Interventionen zurück. Betont sei, dass individuelle Therapie nicht mit Einzeltherapie gleichzusetzen ist. Wir gehen davon aus, dass die Einzelkontakte der Vorbereitung und Entwicklung individueller Zielsetzungen und Therapieschritte dienen, die dann aber nicht nur in den Einzelgesprächen, sondern auch in gruppentherapeutischen Aktivitäten umgesetzt werden. Die Zielsetzung der Einzelgespräche besteht also auch darin, mit dem Patienten die Möglichkeiten zur Nutzung unterschiedlicher Gruppenaktivitäten zu erörtern und zu gemeinsamen Entscheidungen zu gelangen. Regelmäßige Einzelkontakte des Patienten mit seinem Bezugstherapeuten und ggf. mit dem zuständigen Co-Therapeuten sind allerdings in jedem Fall wesentlich für die fortlaufende Betreuung während des therapeutischen Prozesses. Sie dienen der Aufarbeitung von therapeutischen Schritten "zwischen den Sitzungen" (z.B. von Verhaltenserprobungen) und von Erfahrungen in den Gruppentherapien oder anderen sozialen Kontexten. Die Qualität der therapeutischen Beziehung zwischen Patient und Bezugstherapeut hat einen entscheidenden Einfluss auf die Kooperation des Patienten und seine Integration in das Lernfeld Klinik. Vermutlich kann der therapiehemmende Effekt einer missglückten Gruppenerfahrung durch eine gute therapeutische Einzelarbeit aufgefangen werden, eine umgekehrte Kompensation ist jedoch wohl kaum möglich. Eine gute einzeltherapeutische Beziehung erfordert vom Bezugstherapeuten ein starkes Ausmaß an Einfühlungsvermögen, um den Patienten in seiner Sichtweise der Situation zu verstehen und kennenzulernen ("ihn da abzuholen, wo er steht"), gleichzeitig aber ein ebenso starkes Ausmaß an konzeptioneller Stringenz.