Psychosomatische Fachklinik Bad Dürkheim  
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Weiterentwicklung der Ergotherapie unter dem Blickwinkel berufsbezogener und rehabilitationsspezifischer Zielsetzungen

Weiterentwicklung der Ergotherapie unter dem Blickwinkel berufsbezogener und rehabilitationsspezifischer Zielsetzungen

Zunehmend rückt in der Psychosomatischen Rehabilitation der Patient als arbeitender, produzierender, planender Mensch, als am Arbeitsplatz belasteter, überforderter oder gar scheiternder, in der Arbeitswelt frustrierter Vorgesetzter oder Untergebener in den Vordergrund. Die Wechselwirkungen zwischen den Bedingungen am Arbeitsplatz, im Arbeitsleben und psychischer Gesundheit/Krankheit werden zunehmend untersucht. “Macht Arbeit krank?” oder ähnlich lauten die Titel von Seminaren und Fachbeiträgen. Inzwischen ist hinlänglich bekannt, dass durch die Prozesse, welche die “new ökonomie” hervorbringt, die Arbeitsanforderungen an die Beschäftigen sich verändert haben, durch Arbeitsverdichtung, erhöhten Zeitdruck, erhöhte Anforderungen an Flexibilität und Lernen Belastungen auftreten, denen viele Menschen ohne entsprechende Vorbereitung nicht mehr gewachsen sind. Sie tauchen als Patienten in Arztpraxen, Kliniken, in Mobbing-Beratungsstellen oder bei Rechtsanwälten auf, reagieren mit Angst, Depression, mit psychosomatischen Symptomen oder heftigen Emotionen.

Ergotherapeutische Abteilungen besinnen sich mehr und mehr auf die rehabilitativen Anteile ergotherapeutischen Handelns. Ziel der Ergotherapie ist es unter anderem, die durch Krankheit oder Behinderung nicht voll entwickelte oder verlorengegangene Handlungsfähigkeit von Patienten durch das Angebot ressourcenorientierter, interaktioneller oder ausdruckszentrierter Gruppen zu verbessern. Die Angebote können sich auf die Freizeitgestaltung, die Selbsterhaltung des Patienten (alltägliche Verrichtungen) oder auf den produktorientierten - oder Arbeitsbereich beziehen. Die nachfolgende Darstellung beschränkt sich auf Gruppenangebote, durch die die Kompetenz von Patienten im beruflichen und im Arbeitsbereich verbessert werden können.

 

Belastungserprobung in ergotherapeutischen Werkstätten

Die Belastungserprobungen der Ergotherapie stehen neben anderen, von der Soziotherapie betreuten berufsbezogenen Belastungstrainings. Ergotherapeutische Belastungserprobungen finden in den eher handwerklich orientierten Werkstätten mit den Medien Papier, Holz und Ton, aber auch als Gartenarbeit statt. Ziel ist es, den Patienten mit Situationen aus der Arbeitswelt zu konfrontieren, mit ihm seine Kompetenzen und Defizite zu reflektieren und diese übend zu optimieren. Dabei können Daten bezüglich der Arbeits- und Leistungsfähigkeit des Patienten hinsichtlich der Grundarbeitsfertigkeiten gewonnen werden. Belastungserprobungen laufen parallel zum sonstigen Therapieprogramm, können schon früh in der Therapie einsetzen und ggf. variiert oder gesteigert werden. Die “Belastungszeit” kann dabei zwischen ein- bis viermal wöchentlich 1 ½ Stunden und an einem “Belastungstag” bis zu sechs Stunden dauern. Die Aufgabenstellung kann auf einem Continuum von einfachen bis zu komplexen, von kurzfristigen bis zu langfristigen Aufgaben erfolgen. Der Patient nähert sich so dem produktiven Bereich (auch wenn seine tatsächliche Arbeitssituation sich deutlich von der Werkstattsituation unterscheidet), kann Angst und Unlust bzgl. der Arbeitssituation reduzieren und seine Fähigkeiten trainieren. Durch die ergotherapeutische Begleitung/Beobachtung werden Daten bzgl. der Arbeits- und Leistungsfähigkeit gewonnen und können in die sozialmedizinische Beurteilung einfließen: Daten zum kognitiven, sozialen, zum motivationalen und zum motorischen Bereich und zur Arbeitsausführung.

Aus der Basisdokumentation 2000 – 2002 geht hervor, dass diese Form der Belastungserprobung hauptsächlich für Patienten aus dem gewerblichen Bereich genutzt wird. Überproportional handelt es sich um Patienten mit geringer Schulbildung, die zuletzt als Arbeiter, einfache oder mittlere Angestellte tätig waren, vermehrt auch um arbeitslose Patienten. Überdurchschnittlich häufig bestand ein Rentenantrag oder ein Rentenstreit oder eine Zeitrente. Die Teilnehmer an den Belastungserprobungen waren durchschnittlich dreimal so lange arbeitsunfähig vor der Aufnahme wie der Durchschnitt der Patienten. Entsprechend der längeren Chronifizierung wurden die Behandlungsergebnisse am Ende des stationären Reha-Aufenthaltes von den Therapeuten schlechter eingeschätzt. Diagnostisch tauchten bei Teilnehmern der Belastungserprobung folgende Krankheitsbilder vermehrt auf: Patienten mit schizophrener oder wahnhafter Erkrankung, affektive Störungen, Persönlichkeitsstörungen in der ersten Diagnose sowie vermehrt Jugendliche. Am Ende des stationären Aufenthalts waren Patienten häufiger nur teilschichtig leistungsfähig, überdurchschnittlich häufig wurden Berufswechsel oder berufsfördernde Maßnahmen vorgeschlagen.

Aus den Daten ergibt sich, dass die Belastungserprobung in den Werkstätten von Therapeuten mit folgenden Zielen genutzt wurden:

  1. Überprüfung von therapeutischen Hypothesen zur Leistungsfähigkeit eines Patienten.
  2. Erste (Wieder-)Annäherung hoch chronifizierter Patienten an Belastungssituationen der Arbeitswelt.
  3. Begrenztes Training von Basisarbeitsfähigkeiten, unter Umständen als Vorstufe zu weiteren klinikinternen oder –externen Belastungstrainings.

 

Projektgruppen

In diesen Gruppen geht es um die Verbesserung der Kooperationsfähigkeiten der Patienten, um die Entwicklung von Teamfähigkeit. Gruppenmitglieder entwickeln auf der Sachebene ein selbst gewähltes Gemeinschaftsprojekt, in dem jedes Gruppenmitglied mitwirken kann und seine Aufgabe erhält. Der Sachprozess wird weitgehend durch die Gruppenmitglieder gesteuert, der Teamprozess, d.h. der soziale Prozess der Gruppe – wird immer wieder vom Therapeuten thematisiert mit dem Ziel einer verbesserten Einsicht in persönliche Stärken und Schwächen bei der Kommunikation und einem insgesamt verbesserten Kooperationsprozess in der Gruppe.

Die Auswertung der Basisdokumentation 2000-2002 zeigte eine andere Klientel dieser Gruppe verglichen mit dem der Belastungserprobung: Hier tauchten Patienten auf, die überdurchschnittlich häufig über höhere Schulbildung verfügen, vom letzten beruflichen Status her mittlere oder höhere Angestellte oder Studenten/Auszubildende waren. Diagnostisch fallen vermehrt Patienten mit Persönlichkeitsstörungsdiagnosen auf. Gegenüber dem Bereich der Belastungserprobung, aber auch im Vergleich mit den Durchschnittspatienten wird der Zustand der Patienten bei Entlassung als deutlich mehr gebessert eingeschätzt. Die Arbeits- und volle Leistungsfähigkeit wird häufiger erreicht. Es werden jedoch auch vermehrt berufsfördernde Maßnahmen empfohlen. Deutlich wird, dass die Projektgruppe therapeutisch eingesetzt wird für Patienten, die aus einem komplexeren, kommunikativ anspruchsvolleren beruflichen Milieu kommen und entsprechende Defizite aufweisen.

 

Marionettengruppe

Diese Gruppe verfolgt nicht vorwiegend das Ziel berufsorientierter Befähigung, vielmehr zielt sie auf grundlegende Fähigkeiten wie die Entwicklung eines länger dauernden eigenständigen Tätigkeitsprozesses, mit dem sich der Patient identifizieren kann, auf Durchhaltefähigkeit, Ausdauer und Problemlösen. Dabei werden jedoch auch die o.g. Merkmale der Grundarbeitsfähigkeit deutlich, werden reflektiert und trainiert. Die Patienten, die an dieser Gruppe teilnehmen, haben als Erstdiagnosen vermehrt Persönlichkeitsstörungen, wahnhafte Episoden, Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Faktoren (ICD 10 Hinter der Abkürzung ICD 10 verbirgt sich die Internationale Klassifikation von Krankheiten und Gesundheitsstörungen ("International Classification of Diseases"), 10. Auflage. Die ICD 10 wird von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) herausgegeben. In der ICD 10 sind alle "offiziell anerkannten" Krankheiten erfasst, z. T. (etwa bei seelischen Erkrankungen) konkret beschrieben. Dieses Klassifizierungsystem erlaubt eine statistische Erfassung aller Krankheiten z.B. für Gesundheitsberichte, auch die Abrechnung medizinischer Leistungen erfolgt in Deutschland mit Hilfe der ICD 10. In der wissenschaftlichen Literatur über  psychische Erkrankungen findet man manchmal auch den Begriff DSM IV, hierbei handelt es sich um das amerikanische „Gegenstück“ zur Erfassung und Beschreibung psychischer Erkrankungen ("Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders"), hier ist die 4. Auflage aktuell.: F 5). Der Anteil junger Patienten ist sehr hoch. Es handelt sich häufig um Schüler, Studenten, Umschüler, die im Prozess ihrer Ausbildung gescheitert sind. Überproportional häufig wird am Ende der stationären Therapie eine berufsfördernde Maßnahme vorgeschlagen.

 

Gruppe Arbeitsleben

Da diese Gruppe zwischen Soziotherapie und Ergotherapie angesiedelt ist, soll sie hier erwähnt werden. Sie ist eine interaktionelle berufs- und arbeitsorientierte Problemlösegruppe für Patienten mit erheblichen, komplexen Arbeits- und Berufsproblemen. In ihr wird die interaktionelle, organisationale oder sonstige Stressbelastung am Arbeitsplatz thematisiert, Patienten bearbeiten ihre Berufsbiographie, entwickeln alternative Zukunftsperspektiven und arbeiten an dysfunktionalen Einstellungen und Haltungen bzgl. Arbeit und Beruf.

Ansprechpartner: W. Vesenbeckh



Weitere Informationen

Chefarzt

Chefarzt Dr. Limbacher

Dr. med. Klaus Limbacher

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Rehabilitationswesen

Spezialisierung:

Depressionen, sexuelle Störungen und Persönlichkeitsstörungen

Kontakt:

Tel. +49 6322 934-0 (Festnetz)
E-Mail duerkheim@ahg.de


Adresse:
AHG Klinik für Psychosomatik Bad Dürkheim
Kurbrunnenstraße 12
67098 Bad Dürkheim