Medizinische Trainingstherapie: Einführung des Therapiebausteins Funktionelles Muskelaufbautraining für Patienten mit chronischem Rückenschmerz
Nach theoretischen Vorarbeiten der Arbeitsgruppe “Medizinische Trainingstherapie”, der Schulung unserer Mitarbeiterinnen sowie der Fertigstellung unseres Klinik-Erweiterungsbaus stand der Einführung des neuen Therapiebausteins zur aktiven Schmerzbewältiung für Rückenschmerzpatienten nichts mehr im Wege: In den neuen Therapieräumen der Sport-Abteilung wurden die apparativen Voraussetzungen für ein gezieltes individuelles Rücken-Krafttraining geschaffen, das auf einer computergestützten Ausgangsmessung basiert.Patienten mit BWS-, LWS-Beschwerdebild erhalten nach der medizinischen Aufnahmeuntersuchung eine individuelle Eingangstestung mit dem “Back-Check-Gerät”: Hier wird mit isometrischen Maximalkrafttests ein “Profil” der Rumpfmuskulatur erhoben, das mit einer Referenzstichprobe verglichen und für die Patienten mittels eines Computerausdrucks graphisch veranschaulicht wird. Der Betreffende kann hieraus ersehen, wo seine Kraft-Defizite liegen, bzw. ob es muskuläre Dysbalancen (Seitenunterschiede) gibt. Die betreuende Mitarbeiterin der Sport-Therapie (zwei Krankengymnastinnen bzw. eine Sport-Therapeutin) leiten hieraus einen individuellen Trainingsplan ab.
Die Trainingsseinheiten werden zweimal wöchentlich in Kleingruppen von maximal vier Patienten an speziell hierfür konzipierten Trainigsgeräten, unserer so genannten "Rückenstraße”, mit Übungen zur Rumpfextension, Rumpfflexion, Lateralflexion und Rumpfrotation durchgeführt. Individuelle Ausgleichs- und Dehnübungen runden das Training ab. Am Ende des therapeutisch begleiteten mehrwöchigen Trainings findet erneut eine isometrische Maximalkraftmessung / Abschlussdiagnostik statt. Die erzielten Trainingsfortschritte können so – optisch veranschaulicht – mit dem Patienten besprochen und weiterführende Maßnahmen nach der Entlassung am Wohnort geplant werden.
Zusätzlich wählt der Rückenschmerzpatient gemeinsam mit seinem Therapeuten aus, an welchen weiteren sporttherapeutischen Veranstaltungen (z.B. Wassergymnastik, Rückenschule, Teamsport oder ”Fit ab 45”, Zirkeltraining, Walking usw.) er während der stationären Therapie regelmäßig teilnimmt. Ziel dieser Maßnahmen ist – neben einem umfassenden körperlichen Trainingsaufbau und dem Erlangen von Fitness – eine Veränderung psychologischer Variabeln wie verbesserte Körperwahrnehmung, realistische Einschätzung der körperlichen Belastbarkeit, sowie Abbau von Bewegungsängsten und Aufbau von Selbstwirksamkeitserwartungen – Faktoren, die nicht zuletzt durch den positiven Kontakt in einer bewegungtherapeutischen Gruppe zu einer verbesserten Stimmungslage beitragen können.
Eine erste Evaluationsstudie zum neuen Therapieangebot im Rahmen einer Diplomarbeit ergab bei den 36 teilnehmenden Patienten im Vorher-Nachher-Vergleich in sechs von sieben Kraft-Parametern signifikante Verbesserungen. Immerhin 92% der Patienten wiesen im Eingangstest Maximalkraftdefizite, z.T. erheblichen Ausmaßes auf. Nach Auswertung der Abschlussdiagnostik können dann 70% als erfolgreich hinsichtlich ihres Maximalkraftzuwachses angesehen werden. Die Erhebung psychologischer Variablen im Prä-Post-Vergleich ergaben beispielsweise hinsichtlich “Fear Avoidance”, Schmerzreduktion, Selbstwirksamkeitserwartung und Depression ebenfalls signifikante Verbesserungen, so dass wir uns durch diese Ergebnisse in unserem therapeutischen Ansatz bestätigt sehen.
Aktuell beschäftigt sich die Arbeitsgruppe mit dem Projekt “Ambulante Medizinische Trainingstherapie”: Wir planen zusätzlich zum bestehenden Angebot für stationäre Patienten ambulante Präventionsleistungen (§20 SGB V) für Versicherte des VdAK, bzw. der AOK Neustadt anzubieten.
Ansprechpartnerin: M. Ehrhardt
Literatur:
Wilhelm, M. (2004). Therapieerfolge chronischer RückenschmerzpatientInnen in der Medizinischen Trainingstherapie im Rahmen der stationären psychosomatischen Rehabilitation. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Universität Mannheim.