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Germersheim - Meilenstein für die Soziotherapie

von rechts nach links Doktor Fritz Brechtel, Dieter Hänlein, Malu Dreyer, Andrea Schwerdt, Marcus Schaile
(v.r.n.l.) Landrat Dr. Fritz Brechtel, Bürgermeister Dieter Hänlein, Malu Dreyer, Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen in Rheinland-Pfalz, Leiterin des Therapiezentrum Germersheim Andrea Schwerdt und den 1. Beigeordneten Marcus Schaile

Aktuelles

AHG aktuell - 25 Jahre AHG Therapiezentrum Germersheim
17.09.2008 – Germersheim - Meilenstein für die Soziotherapie

Malu Dreyer – rheinland-pfälzische Ministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen – betont die Bedeutung des AHG Therapiezentrums Germersheim für die Entwicklung der Soziotherapie des Landes. Hier die wichtigsten Aussagen ihrer Rede anlässlich der 25-Jahr-Feier am 17. September 2008 im Bürgersaal in Germersheim:

„Seit jetzt 25 Jahren hat sich das Therapiezentrum Germersheim dafür eingesetzt, chronisch mehrfach beeinträchtigte suchtkranken Menschen auf ihrem Weg zu mehr Selbstbestimmung zu unterstützen. Die Einrichtung ist ein Ort, an dem schwerst suchtkranke und komorbide Menschen die Aussicht haben, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Zu den Fortschritten des Therapiezentrums gehört die zunehmende Individualisierung der Therapieangebote.

Chronisch mehrfach beeinträchtigte Abhängige, meine sehr geehrten Herren und Damen, waren lange Zeit in psychiatrischen Einrichtungen, in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe oder in Altenwohnheimen fehlplaziert untergebracht. Als Patientinnen oder Patienten, in deren Biographien 10, 20 und häufig auch mehr körperliche Entzugsbehandlungen nachweisbar waren, wechselten sie von einem unzureichenden Hilfeangebot ins nächste. Auch das 68er Urteil des Bundessozialgerichts, mit dem klargestellt wurde, dass Abhängigkeit nicht erst dann als eine Krankheit angesehen werden muss, wenn bereits massive körperliche Folgeschäden eingetreten sind, änderte daran zunächst wenig.

Eine größere Aufmerksamkeit wurde den betroffenen Menschen erst durch die Psychiatrie Enquete von 1975 zuteil, die auf erhebliche Versorgungsdefizite für 320.000 bis 400.000 suchtkranke Menschen in der Bundesrepublik Deutschland hinwies und die Schaffung komplementärer Einrichtungen forderte. Der Abschluss eines Kooperationsvertrages zwischen dem Land und der Gesellschaft für Psychosomatische Therapie mbH, der heutigen AHG, im Juli 1982 war deshalb ein bedeutender Meilenstein für die Entwicklung der Soziotherapie in Rheinland-Pfalz. Mit diesem Vertrag wurde der Startschuss für den Aufbau einer spezifischen Einrichtung gegeben, aber auch für den landesweiten Ausbau dieses Hilfeangebots. Zwischen den Partnern wurde der Aufbau eines soziotherapeutischen Heimes mit 44 Plätzen und einer Übergangseinrichtung mit 16 Plätzen vertraglich geregelt.  Weitere Meilensteine folgten. Im November 1983 - also vor 25 Jahren - fand die offizielle Einweihung des Therapiezentrums Germersheim statt, 1990 wurde ein Antrag auf Erweiterung gestellt.

Erst im Vergleich zu den damals üblichen Hilfen für chronisch mehrfach beeinträchtige Suchtkranke, z.B. im Heimbereich der damaligen Psychiatrie, wo Mehrbettzimmer üblich waren, wird der Fortschritt, den das neue Hilfeangebot bedeutete, klar. Zu weiteren Fortschritten des Therapiezentrums gehören die Auflösung des Übergangsbereichs, die zunehmende Individualisierung der Therapieangebote und der Ausbau indikativer Gruppen. Schien es ursprünglich kaum vorstellbar, dass chronisch mehrfach beeinträchtigte Suchtkranke den schützenden und suchtmittelfreien Heimbereich verlassen können, ohne einen Rückfall zu riskieren, zeigen sich die Erfolge der Professionalisierung in diesem Arbeitsfeld auch darin, dass ambulante Hilfeangebote entwickelt und erfolgreich realisiert wurden. Bereits im Juli 1994 wurde die erste Außenwohngruppe eröffnet. Mit der zweiten Außenwohngruppe im April 2003 war gleichzeitig die Erweiterung des Einzelzimmeranteils auf 60 Prozent verbunden. Was mich ganz besonders beeindruckt, ist die Bereitschaft der Fachkräfte und des Trägers, sich mit den heutigen Anforderungen an fachlich qualifizierte Hilfen für chronisch mehrfach beeinträchtigte Abhängige auseinanderzusetzen.  Ausdrücklich unterstütze ich die Entwicklung ambulanter Hilfen für diesen Personenkreis, wie sie in dem im Juli 2005 vorgelegten Konzept zum Ausdruck kommt. Ich bin mir bewusst, dass mit der Umsetzung ausdifferenzierter ambulanter Hilfen eine Reihe von Problemen verbunden sind. Aber ich sage auch deutlich, das nur durch Veränderungen des stationären Settings und durch den Ausbau teilstationärer und ambulanter Angebote eine Weiterentwicklung möglich sein wird.

Meine sehr geehrten Herren und Damen, lange Jahre waren die von der AHG AG betriebenen Therapiezentren in Germersheim und Bassenheim die einzigen spezifischen Hilfeangebote für chronisch mehrfach beeinträchtigte Suchtkranke in Rheinland-Pfalz. 25 Jahre Therapiezentrum Germersheim - das sind 25 Jahre Arbeit auf hohem fachlichen Niveau. Diese Arbeit war und ist geprägt durch das große Engagement des Trägers und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.  Zum Start der Einrichtung war keinesfalls sicher, dass dieses Hilfeangebot so erfolgreich und prägend für den weiteren Ausbau der Soziotherapie in Rheinland-Pfalz sein würde. Um so mehr gilt es, dem Träger gerade für die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen und sich auf Neuland zu wagen, zu danken. Herr Glahn, ich denke das Wagnis hat sich gelohnt, vor allem für die Menschen, die in Germersheim den Ausstieg aus der Sucht gefunden haben. Danken möchte ich auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Einrichtung. Ohne ihre Fachlichkeit und ohne ihren Einsatz wäre die Einrichtung nicht das, was sie heute ist, nämlich ein Ort, an dem schwerst suchtkranke und komorbide Menschen die Aussicht haben, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Meine sehr geehrten Herren und Damen, beobachtet man den zunehmenden Mischkonsum von legalen und illegalen Suchtmitteln, wird man sich darauf einstellen müssen, dass immer mehr Menschen mit einem polyvalenten Suchtverhalten soziotherapeutische Hilfen benötigen. Zunehmen wird voraussichtlich auch der Anteil der Personen mit Doppeldiagnosen. Und darüber hinaus werden immer mehr Personen, insbesondere körperlich sehr kranke oder ältere, auch pflegerische Unterstützung benötigen. Die fachlichen Anforderungen an die Soziotherapeutischen Einrichtungen werden voraussichtlich zunehmen. Um dem Anspruch chronisch mehrfach beeinträchtigter Suchtkranker auf Teilhabe und Selbstbestimmung gerecht zu werden, wird es noch stärker darauf ankommen, die Unterstützung auf die individuellen Ressourcen und Fähigkeiten der Betroffenen auszurichten und in diesem Sinne stetig zu verbessern. D.h. zum Beispiel auch, das stationäre Setting so zu gestalten, dass Therapieangebote noch differenzierter angelegt und umgesetzt werden können. Unabdingbar ist es, verstärkt teilstationäre und ambulante Hilfen zu entwickeln. Dabei können Sie sicher sein, dass entsprechende Initiativen seitens des Landes auf große Zustimmung und Unterstützung stoßen werden. Aber auch die Kommunen sind hier stärker als bisher gefordert.“