Bei der Mehrheit unserer Patienten, etwa 80 %, besteht das Einnässen permanent. Bei etwa 20 % der Patienten gab es schon ein symptomfreies Intervall von 6 Monaten und mehr, bevor das Einnässen erneut auftrat und dann persistierte. Überwiegend ist das Einnässen also nicht eine passagere Anpassungsreaktion auf situative Belastungen, sondern eine chronische Störung. Die Kinder und ihre Familien haben in der Regel schon viele erfolglose Behandlungsversuche hinter sich gebracht. Das Kind leidet daher nicht nur unter dem Symptom des Einnässens; sekundär sind im Laufe der Zeit fast immer ein vermindertes oder gestörtes Selbstwertgefühl hinzugetreten und es hat sich eine gelernte Hilflosigkeit bezüglich der Überzeugung, den eigenen Körper kontrollieren zu können, eingestellt. Auch das Alltagsleben und die Beziehung zwischen den Familienmitgliedern sind durch das Einnässen des Kindes geprägt und belastet.
Diese Situation hat auch Folgen für das Sozialverhalten des betroffenen Kindes: manche ziehen sich zurück, andere sind aggressiv und reizbar oder zeigen andere Verhaltensauffälligkeiten.
Unter Umständen lässt sich keine einzelne Ursache für das Einnässen isolieren. Bei der primären Schlafenuresis ist anzunehmen, dass eine genetische Disposition mitverursachend ist. Anderen Formen des Einnässens liegt eine organische oder funktionelle Ursache zugrunde. Wieder andere Formen des Einnässens sind rein psychopathologisch bedingt. Die Ätiologie des Symptoms wird im Laufe der Zeit durch emotionale und intellektuelle Eigenschaften des Kindes sowie durch die besonderen psychosozialen Bedingungen überformt. Sie verschmelzen bei jedem Patient zu einem komplexen und individuellen Ursachenbündel, das nun die Symptomatik fixiert. Daher ist bei jedem einzelnen Patienten eine differenzierte Problemanalyse erforderlich, die einen individuell zugeschnittenen therapeutischen Zugang ermöglicht. Nur so kann eine Verbesserung der Symptomatik überhaupt erreicht werden.
